Am nächsten Morgen wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf. Ich hatte wie immer neben meinem Bett eine Flasche Wasser, denn vielleicht hatte ich einfach durst. Nach dem Schluck ging ich ins Bad und machte mich für den Tag frisch. Anschließend machte ich mich auf den Weg nach unten und entdeckte Tobias in der Küche. Er saß auf einem Stuhl und starrte die Wand an, als hätte er einen Geist gesehen. "Guten Morgen, Tobi." Er reagierte nicht auf meine Begrüßung. Ich betrat die Küche und stellte mich vor ihn. Endlich bemerkte er mich: "Oh, hey." "Hey? Sag mal, hast du ein Gespenst oder so etwas gesehen?" Ich schluckte einmal kurz und stand dann auf. Er zeigte auf diesen Stuhl und bat mich: "Setz dich bitte. Ich muss dir was erzählen." Er klang ernst, aber ich fragte lustig: "Hast du etwa eine Freundin?" Er schüttelte den Kopf und sah mich traurig und unsicher an. Irgendetwas musste passiert sein. "Deine Eltern sind ja weggefahren." Ich nickte und da fiel mir ein, dass sie am Freitag hätten zurück sein sollen. "Stimmt, sie sind noch gar nicht da. Vielleicht haben sie das Zeitgefühl verloren", sagte ich lachend. Tobias schaute nur noch unsicherer und schaffte es nicht mehr mir in die Augen zu sehen. "Tobi? Was ist denn los?" "Deine Eltern hatten einen Autounfall auf dem Heimweg. Es geschah am Freitag." Nach dieser Nachricht fiel ich aus allen Wolken. "Woher weißt du das? Und weißt du auch, in welchem Krankenhaus sie liegen?" "Das Haustelefon klingelte vor etwa 30 Minuten und ich ging ran und sagte einfach, dass ich der Cousin bin und dann sagte mir die Polizei am Telefon, dass deine Eltern gefunden wurden." "Erst heute?! Aber wie ist das möglich?", fragte ich total entsetzt. "Er sagte, dass sie im Wald waren und sie dort keiner fand, weil keiner vorbei kam." "Ok, und wo sind sie jetzt?" Er schaute immer noch zu Boden und sagte dann vorsichtig und leise: "Es tut mir leid, dass ich das sagen muss. Chrissi, deine Eltern sind anscheinend kurz nach dem Unfall noch gestorben." Das war der Satz, den ich nicht hören wollte. Ich starrte einfach geradeaus, meine Tränen kamen hoch und ich bewegte mich gar nicht mehr. Ich spürte nur noch, dass Tobias mich in den Arm nehmen wollte, doch dann wurde alle schwarz.
Als ich wach wurde, spürte ich etwas weiches unter mir, was bedeutete, dass ich in meinem Bett lag. Ich war alleine und die Jalousinen waren unten. "Tobi? Wo bist du?" Sofort hörte ich schnelle Schritte die Treppen hoch rennen. "Ich bin hier. Du bist endlich wach. Du warst für fast 5 Stunden weg vom Fenster." Mein Kopf schmerzte und dann spürte ich auch schon wieder die Tränen in meinen Augen. "Ich hab dir Tee zubereitet. Deine liebste Sorte, Waldfruchttee mit braunem Zucker." Er überreichte mir die Tasse und ich nahm sie gedankenverloren einfach entgegen. "Weiß man, wie es zu dem Autounfall kam?" "Bist du sicher, dass du bereit bist das zu wissen, Kleines?" Ich nickte, doch die Tränen konnte ich nicht zurückhalten. "Ein LKW kam auf ihrer Spur entgegen und sie wollten noch ausweichen, was ihnen zwar gelang, aber dadurch sind sie einen Hang hinabgestürzt und der Wagen fing Feuer. Einer der beidem musste noch am Leben gewesen sein und hat den anderen hinausgetragen. Sie schätzen, es war dein Vater." Ich hörte zwar, was Tobias mir erzählte, aber ich konnte es einfach nicht glauben. "Kurze Zeit später verstarb auch er, etwa 30 Meter vom abgebrannten Auto entfernt." Ich wollte gerade etwas sagen, als ich spürte, wie meine Brust schmerzte. Ich hielt meine Hand hin und versuchte tief durchzuatmen. "Chrissi? Warte ich hole deine Medikamente." Er rannte los zu meiner Tasche und suchte verzweifelt nach den Tabletten. Meine Kopfschmerzen wurden immer stärker und auch das Stechen in der Brust machte sich immer mehr bemerkbar. Ich bekam eine Luft, obwohl ich schon so schnell atmete. Endlich kam er mit den Tabletten und ich schluckte 3 Stück gleichzeitig zusammen mit dem Tee. Mein Herzschlag und mein Atem beruhigten sich wieder und auch ich fühlte mich ein wenig besser.
Wir saßen einige Minuten einfach still nebeneinander auf meinem Bett, als ich fragte: "Tobi, was ist mit der Schule?" Er sah mich an und tätschelte meinen Kopf beruhigend. "Ich hab da angerufen und uns beide für krank erklärt. Leider musste ich ihnen das mit deinen Eltern erzählen, weshalb wir gleich für die nächsten zwei Wochen freigestellt wurden." "Ach, du auch?" Tobi nickte. "Wegen meiner Adoptivschwester. Außerdem werde ich dich in so einer Situation und in einem so großen Haus sicher nicht alleine lassen." Ich lächelte und fühlte mich wohl, viel besser als noch vor 10 Minuten. Seine freundschaftliche Wärme tat gut und war genau das Richtige in diesem Moment.