Ich verbrachte so ziemlich den ganzen Tag in meinem Zimmer mit meinem Kuscheltier - einem weißen Tiger - und weinte. Zwischendurch bin ich einige Male eingeschlafen, aber länger als 15 Minuten hielt der Moment nicht. Das Stechen in meiner Brust kam zurück und ich fühlte mich einsam. Ich sah meinem Tiger in seine blauen Augen und musste plötzlich an Chris denken. 'Ob er sich fragt, wo ich heute war? Vielleicht hat er mich gesucht und dann wurde es ihm erzählt.' Unsere Haustürklingel riss mich aus meinen Gedanken, doch es wurde zu leise geredet, als dass ich hätte etwas verstehen können. Ich versuchte mich leise die Treppen runter zu schleichen, doch eine Stufe knirschte und weckte die Aufmerksamkeit von Tobi und überraschenderweise von dem Mann, an den ich zuvor erst gedachte hatte. 'Chris'.
"Chrissi? Geht es dir gut? Ich hab dich heute nicht in der Schule gesehen, ebenso nicht deine Freundinnen." Ich ging die Treppe runter und stand im Pyjama vor den Kerlen. "Ja, es geht wieder. Brauchst dir keine Sorgen zu machen." Ich umarmte Chris kurz, bevor ich in die Küche ging, weil mich der Hunger packte. Ich spürte starrende Blicke an meinem Rücken, weshalb ich, ohne mich umzudrehen, fragte: "Kann man euch helfen? Habt ihr auch Hunger?" Ich bekam keine Antwort, also drehte ich mich doch um und erblickte einen besorgten Christopher. "Ach so, du bist allein. Was ist denn?" "Das wollte ich dich gerade fragen. Du tauchst nicht in der Schule auf, keiner weiß etwas über dich und dann sagst du mir, dass ich mir keine Sorgen machen sollte?! Was war denn?" "Du meinst, was ist denn? Denn es ist noch nicht vergangen." Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. Dabei setzte er sich in Bewegung in meine Richtung und legte seine Hände an meine Taille. "Bitte rede mit mir. Ich sehe Schmerz in deinen Augen, einen seelischen Schmerz." Plötzlich strömten die Tränen einfach aus mir heraus und ich schmiss mich an Christophers Brust. Er drückte mich einfach fest an sich und streichelte mir den Hinterkopf, während er "ssssscccchhhh" zischte.
Wir standen eine lange Zeit so da, bis mir die Beine schwer wurden. Ich löste mich aus der Umarmung und trottete langsam zum Küchentisch. Meine Augen brannten vom vielen Weinen und als ich einen Moment hoch sah, musste ich feststellen, dass ich sein T-Shirt mit Tränen nass gemacht hatte. Er kam zu mir und kniete sich vor mich, damit wir auf etwa gleicher Höhe waren. "Rede mit mir. Ich kann dich so nicht sehen." Ich schniefte nur als Antwort und schaute auf meine Hände, die ich auf meinem Schoß gefaltet hatte. Chris hob seine Hand und legte sie an meine Wange, an die ich mich nur zu gerne schmiegte. Ich entschied mich, es ihm zu sagen und erzählte ihm genau das, was mir Tobias erzählt hatte. Glücklicherweise musste ich währenddessen nicht weinen, wahrscheinlich, weil ich es schon einmal gehört hatte. Christopher hörte mir zu und ließ mich nicht aus den Augen und ich ließ seine Augen nicht aus den Augen. Als ich fertig war blickte ich noch tiefer in seine ozeanblauen Augen, in denen ich untergehen könnte. "Chrissi, das tut mir von ganzem Herzen leid. Es gibt nichts schlimmeres als die wichtigsten Menschen im Leben zu verlieren, aber keine Angst, du bist nicht allein. Tobias ist hier, ich bin hier und auch deine Familie und Freunde sind bei dir und immer für dich da." Diese Worte brachten ein kleines Lächeln meinerseits hervor und das brachte auch meinen Gegenüber dazu. Wir hörten ein Klopfen am Türrahmen und Chris sprang so schnell wie möglich auf. 'Stimmt, er weiß ja nicht, dass Tobi nichts mehr dagegen hatte.' "Ich hab dir deinen Tiger gebracht, den du so liebst. Hat er einen Namen?" Ich nickte. "Ja, er heißt Ren. Beziehungsweise ist sein vollständiger Name Dhiren." Beide lächelten, aber Chris schien sich an etwas zu erinnern. "Moment, weißer Tiger namens Ren? Du hast das Buch 'Kuss des Tigers' gelesen?" Meine Augen leuchteten bei dem Titel und meine Sorgen war wie weggeblasen. "Ja, sogar den zweiten Teil und gerade bin ich beim dritten Teil, aber wegen der Schule kam ich nicht dazu weiterzulesen." Auch seine Augen leuchteten und erneut kniete er sich hin und nahm dabei meine Hand. "Du bist meine Bilauta." Meine Augen funkelten und füllten sich vor Freude mit Tränen. "Dir ist aber klar, dass das nicht Ren, sondern Kishan gesagt hat, oder?" "Nein, im dritten Teil hat das auch einmal Ren zu ihr gesagt. Oder bist du noch nicht bei der Stelle?" "Doch, oh stimmt." Ich fand eine wundervolle Verbindung zwischen diesem tollen, liebevollen Mann und mir und war mehr als glücklich über diese Entdeckung. Meine Liebe schien zu wachsen, doch erneut rief ich mir seine Frau ins Gedächtnis und schon verschwand meine Freunde wieder.