Montag, Januar 26, 2015

Kapitel #29

Ich verfolgte den langweiligen Unterricht, aber wirklich konzentrieren konnte ich mich nicht. Ich hatte, so wie oft in letzter Zeit, das Gefühl beobachtet zu werden. Ich schielte kurz rüber zu meinem Freund, der mich tatsächlich anstarrte. Anscheinend wartete er nach wie vor auf die Erzählung, weswegen ich mit der Lehrerin raus musste. Ich drehte meinen Kopf vollständig zu ihm und fragte: "Schatz, brauchst du etwas?" Er wandte sich nicht ab, sondern nickte einfach und durchbohrte mich fast mit seinem Blick. "Was wollte sie denn? Hat sie wegen heut Morgen gemeckert?", stellte er mir als Gegenfrage. Gerade wollte ich meinen Mund auf machen, da räusperte sich die Frau an der Tafel und schaute uns mit einem grimmigen Blick an. Ich verdrehte nur die Augen und schrieb weiter von der Tafel ab. Auch Tobias wandte sich endlich dem Unterricht zu.
Endlich gongte es und wir konnten zur nächsten Unterrichtsstunde laufen. Wir mussten ein Stockwerk höher laufen und da wartete auch schon unsere Sozialkundelehrerin. Sie sperrte das Klassenzimmer auf und wir traten alle ins Zimmer ein. Sie zog die Tür hinter sich zu und setzte sich ans Pult, wo sie uns den Verlauf der Unterrichtsstunde erklärte. Die Stunde verging glücklicherweise ziemlich schnell, weil wir in Gruppen kleine Präsentationen vorbereiten sollten. Wir machten die übliche Gruppe, also Tami, Sophia, Tobias und ich. Ich vermisste Franzi in unserer Gruppenarbeit, denn sie war immer das Mitglied, das uns hin und her gescheucht hat und einfach immer die lauteste von uns war. Inzwischen ist es so leise und teilweise auch ziemlich langweilig. Die Schulglocke beendete die Zusammenarbeit und wir verließen alle das Zimmer in die Pause. Auf der Treppe nach unten bemerkte ich, wie ich wieder Kopfschmerzen bekam. Sofort holte ich meine Flasche Wasser aus der Tasche und trank einen großen Schluck aus ihr. Ich stellte dann unten angekommen meine Tasche auf den Boden und lief in Richtung Toilette. Natürlich nicht zu schnell, sonst wäre mir wahrscheinlich schwindlig geworden. Ich betrat die Mädchentoilette und lehnte mich über das Waschbecken, um mich näher im Spiegel sehen zu können. "Ich sehe etwas blass aus. Ob ich Heim fahren sollte?", fragte ich mich in Gedanken, während ich weiterhin mein Spiegelbild betrachtete. Ich stand noch einige Zeit so da und hinter mir kamen immer wieder Mädchen rein in die Kabinen und auch wieder raus. Ich öffnete den Wasserhahn und spritzte mich mit mit kaltem Wasser im Gesicht ab. Dabei beugte ich mich mehr in Richtung Becken runter. "Ist alles in Ordnung?", hörte ich eine Stimme hinter mir fragen. Ich streckte meinen Körper und schaute in den Spiegel. Es war Franzi. Ich war froh, dass sie es war und drehte mich deshalb mit einem Lächeln um und umarmte sie. Doch anstatt auch mich zu umarmen, drückte sie mich von sie weg und schaute mich mit einem besorgten Blick an. "Chrissi, was ist los? Heut Morgen hast du auch schon total deprimiert geschaut. Ist etwas passiert?" Ich schüttelte den Kopf und legte dabei mein Lächeln nicht ab. "Lügnerin!", schrie sie mir ins Gesicht. Ich stand völlig erstarrt da und bemerkte, wie mich die anderen Mädels unserer Schule anschauten. Die Toilette war nicht der beste Ort, um zu diskutieren. Darum packte ich Franziska am Handgelenk und zog sie raus. Draußen riss sie sich aus meinem Griff und sah mich diesmal eher wütend an. "Warum lügst du mich an?", schrie sie wieder. "Ich dachte, wir wären beste Freundinnen! Du sollst mit sagen, wenn es dir nicht gut geht!" Ich schaute zu Boden, denn mir war das ziemlich unangenehm. Vor allem, weil ich sie nicht mit meinen Problemen belasten wollte. "Ich weiß, dass du gestern wieder einen Kreislaufkollaps hattest. Mensch, Christina! Warum redest du nicht mit -" "Hör auf! Hör auf, Franziska. Du weißt ganz genau, dass du meine beste Freundin bist und genau deshalb wollte ich dir nichts davon erzählen. Alle machen sich ständig Sorgen um mich, das nervt!", unterbrach ich sie lautstark. Diesmal war es Franzi die starr da stand und mich mit halb glasigen Augen ansah. Ich wusste, ich hätte sie nicht so anschreien dürfen, aber alle Gefühle kamen in mir hoch: Wut, Trauer, Angst, Sorge, Müdigkeit und noch der Fakt, dass ich schreckliche Kopfschmerzen hatte. Ohne nachzudenken nahm ich Franzi einfach in die Arme und drückte sie fest an mich. Plötzlich räusperte sich jemand hinter mir.

Sonntag, Januar 11, 2015

Kapitel #28

Ich hörte, wie sich Schritte immer mehr von meiner Kabine entfernten. Ich saß noch etwa 10 Minuten auf dem kalten Boden, bis ich den Entschluss fasste aufzustehen und zu den anderen zu gehen. Ich wischte mir die allerletzte Träne weg, stand langsam auf und sperrte meine Kabinentür auf. Die Mädchen, die warteten, schauten mich alle dumm an. Ich beachtete sie gar nicht, sondern ging einfach zum Waschbecken, wusch mir die Hände und verließ die Schultoilette. Ich wollte mich gerade nach links umdrehen, als ich, wie sonst auch immer, in jemanden rein lief. Ich fiel beinahe zu Boden, aber konnte mich noch halten. Ich schaute zu dem Menschen hoch und musste wieder einmal feststellen, dass es Herr Hint war. "Oh nein, tut mir leid. Warum passiert mir das ständig bei Ihnen?" Er lächelte leicht und schüttelte dabei den Kopf. "Keine Ahnung, aber geht es dir gut?", fragte er mich besorgt. Ich nickte und setzte mich direkt, ohne mich zu verabschieden, in Bewegung. Im Schnellschritt lief ich zu dem Treffpunkt von den anderen und sah, wie Tamara weinte. In mir machte sich das schlechte Gewissen breit, was auch verständlich war, denn ich hatte sie einfach angeschrien, anstatt ihre Hilfe anzunehmen oder einfach rauszukommen. Ich lief auf sie zu, aber sie bemerkte mich nicht. Also schlich ich mich von hinten an und umarmte sie von hinten. Sie zuckte leicht zusammen, so wie es üblich bei ihr war, und drehte sich zu mir um. "Chrissi?" Ich schaute zu Boden, denn ich schämte mich für mein Verhalten. Die anderen stellten sich um mich herum und jedem stand es ins Gesicht geschrieben, dass sie sich Sorgen machten. Ich wollte das nicht, schließlich sollte sich nicht alles um mich drehen. Tami wischte sich ihre letzten Tränen weg und nahm mich einfach in den Arm. Ich war etwas überrumpelt, aber legte dann auch meine Arme um sie. Plötzlich löste sie sich aus der Umarmung und drehte mich einmal um 180°. Hinter mir stand Tobi mit einem traurigen Gesichtsausdruck. Ihn so zu sehen, tat selbst mir weh. Ich schlang meine Arme einfach um seinen Hals und küsste ihn. Er legte seine Hände an meine Hüfte und zog mich näher an sich. Ich vergaß alles um mich herum und konzentrierte mich nur auf den tollsten Jungen und den Kuss.
Plötzlich gongte es, was hieß, dass die Pause zu Ende war. Tobias und ich lösten uns voneinander und schauten uns in die Augen. Diesmal hatte er ein Lächeln auf den Lippen und auch seine Augen zeigten, wie glücklich er war. Die Mädchen liefen alle voran und mein Freund und ich liefen Hand in Hand hinter ihnen her. Ich drehte mich einmal kurz um, um nach Franzi zu sehen, aber alles was ich sah, waren irgendwelche Schüler und Lehrer, darunter auch Herr Hint. Er sah mich zum Glück nicht, also drehte ich mich einfach wieder um und lief einfach weiter die Treppen hoch.
Oben angekommen, mussten wir vor dem Klassenzimmer warten, bis der Lehrerin kam, was nicht lange dauerte. Wir betraten alle den Raum und setzten uns auf unsere Plätze. Ich setzte mich gerade hin, als die Lehrerin auf mich zukam und mich bat mit ihr vor die Tür zu gehen. Ich nickte nur überrascht und folgte ihr hinaus. Die letzten Schüler betraten das Zimmer, also schob sie die Tür zu. "Christina, was sollte das heute? Du kannst doch nicht einfach kommen und gehen, wann du Lust hast." Ich schaute auf den Boden, aber gleichzeitig sah ich keine Schuld bei mir. "Es ist nicht so, wie sie denken. Es ging mir gestern nicht gut und..." "Das erklärt noch lange nicht deinen Auftritt heut Morgen!", unterbrach sie mich. "Man, meine Eltern haben mich schlafen lassen, weil es mir gestern echt scheiße ging! Und als ich aufgewacht bin, bat ich meinen Vater sofort mich zur Schule zu fahren. Das hatte rein gar nichts mit Lust oder sowas zu tun!" Meine Stimme wurde lauter, was ich schließlich auch bereute, aber sie ließ mich ja nicht ausreden. Ihr Blick lockerte sich etwas, aber sie hatte noch immer keinen verständnisvollen Blick. "Was kann denn so schlimm gewesen sein, dass..." "Ich bin Diabetikerin!", diesmal unterbrach ich sie, "und ich hab gestern mal nicht so richtig auf meinen Blutzuckerspiegel geachtet. So, jetzt wissen sie's!" Jetzt hatte sie den Blick drauf. "Ich will nicht jedem sagen, was ich für Krankheiten habe. Das ist ziemlich peinlich." Sie nickte und stellte sich etwas aufrechter hin. "Gibt es ein Problem?", fragte eine männliche Stimme hinter mir. Meine Lehrerin schaute an mir vorbei, um zu sehen, wer das gewesen ist. "Ehm, ja. Soweit alles gut." Auch ich drehte mich in diese Richtung hin und erblickte Herrn Hint. Er lächelte mich an und sagte nur: "Dann ist ja gut. Auf Wiedersehen, Christina." Ich winkte ihm noch kurz hinterher und drehte mich wieder um. Der Blick meiner Deutschlehrerin war legendär. "Lass uns wieder reingehen", brachte sie mit einer piepsigen Stimme raus. Ich nickte nur, öffnete die Tür und lief auf meinen Platz zu, wo Tobias mit einem erwartungsvollen und fragenden Blick auf mich wartete.