Ich verfolgte den langweiligen Unterricht, aber wirklich konzentrieren konnte ich mich nicht. Ich hatte, so wie oft in letzter Zeit, das Gefühl beobachtet zu werden. Ich schielte kurz rüber zu meinem Freund, der mich tatsächlich anstarrte. Anscheinend wartete er nach wie vor auf die Erzählung, weswegen ich mit der Lehrerin raus musste. Ich drehte meinen Kopf vollständig zu ihm und fragte: "Schatz, brauchst du etwas?" Er wandte sich nicht ab, sondern nickte einfach und durchbohrte mich fast mit seinem Blick. "Was wollte sie denn? Hat sie wegen heut Morgen gemeckert?", stellte er mir als Gegenfrage. Gerade wollte ich meinen Mund auf machen, da räusperte sich die Frau an der Tafel und schaute uns mit einem grimmigen Blick an. Ich verdrehte nur die Augen und schrieb weiter von der Tafel ab. Auch Tobias wandte sich endlich dem Unterricht zu.
Endlich gongte es und wir konnten zur nächsten Unterrichtsstunde laufen. Wir mussten ein Stockwerk höher laufen und da wartete auch schon unsere Sozialkundelehrerin. Sie sperrte das Klassenzimmer auf und wir traten alle ins Zimmer ein. Sie zog die Tür hinter sich zu und setzte sich ans Pult, wo sie uns den Verlauf der Unterrichtsstunde erklärte. Die Stunde verging glücklicherweise ziemlich schnell, weil wir in Gruppen kleine Präsentationen vorbereiten sollten. Wir machten die übliche Gruppe, also Tami, Sophia, Tobias und ich. Ich vermisste Franzi in unserer Gruppenarbeit, denn sie war immer das Mitglied, das uns hin und her gescheucht hat und einfach immer die lauteste von uns war. Inzwischen ist es so leise und teilweise auch ziemlich langweilig. Die Schulglocke beendete die Zusammenarbeit und wir verließen alle das Zimmer in die Pause. Auf der Treppe nach unten bemerkte ich, wie ich wieder Kopfschmerzen bekam. Sofort holte ich meine Flasche Wasser aus der Tasche und trank einen großen Schluck aus ihr. Ich stellte dann unten angekommen meine Tasche auf den Boden und lief in Richtung Toilette. Natürlich nicht zu schnell, sonst wäre mir wahrscheinlich schwindlig geworden. Ich betrat die Mädchentoilette und lehnte mich über das Waschbecken, um mich näher im Spiegel sehen zu können. "Ich sehe etwas blass aus. Ob ich Heim fahren sollte?", fragte ich mich in Gedanken, während ich weiterhin mein Spiegelbild betrachtete. Ich stand noch einige Zeit so da und hinter mir kamen immer wieder Mädchen rein in die Kabinen und auch wieder raus. Ich öffnete den Wasserhahn und spritzte mich mit mit kaltem Wasser im Gesicht ab. Dabei beugte ich mich mehr in Richtung Becken runter. "Ist alles in Ordnung?", hörte ich eine Stimme hinter mir fragen. Ich streckte meinen Körper und schaute in den Spiegel. Es war Franzi. Ich war froh, dass sie es war und drehte mich deshalb mit einem Lächeln um und umarmte sie. Doch anstatt auch mich zu umarmen, drückte sie mich von sie weg und schaute mich mit einem besorgten Blick an. "Chrissi, was ist los? Heut Morgen hast du auch schon total deprimiert geschaut. Ist etwas passiert?" Ich schüttelte den Kopf und legte dabei mein Lächeln nicht ab. "Lügnerin!", schrie sie mir ins Gesicht. Ich stand völlig erstarrt da und bemerkte, wie mich die anderen Mädels unserer Schule anschauten. Die Toilette war nicht der beste Ort, um zu diskutieren. Darum packte ich Franziska am Handgelenk und zog sie raus. Draußen riss sie sich aus meinem Griff und sah mich diesmal eher wütend an. "Warum lügst du mich an?", schrie sie wieder. "Ich dachte, wir wären beste Freundinnen! Du sollst mit sagen, wenn es dir nicht gut geht!" Ich schaute zu Boden, denn mir war das ziemlich unangenehm. Vor allem, weil ich sie nicht mit meinen Problemen belasten wollte. "Ich weiß, dass du gestern wieder einen Kreislaufkollaps hattest. Mensch, Christina! Warum redest du nicht mit -" "Hör auf! Hör auf, Franziska. Du weißt ganz genau, dass du meine beste Freundin bist und genau deshalb wollte ich dir nichts davon erzählen. Alle machen sich ständig Sorgen um mich, das nervt!", unterbrach ich sie lautstark. Diesmal war es Franzi die starr da stand und mich mit halb glasigen Augen ansah. Ich wusste, ich hätte sie nicht so anschreien dürfen, aber alle Gefühle kamen in mir hoch: Wut, Trauer, Angst, Sorge, Müdigkeit und noch der Fakt, dass ich schreckliche Kopfschmerzen hatte. Ohne nachzudenken nahm ich Franzi einfach in die Arme und drückte sie fest an mich. Plötzlich räusperte sich jemand hinter mir.
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