Es war der Mann, der mich aus irgendeinem Grund jedes Mal völlig aus der Fassung brachte. Ich drehte mich zu ihm um und spürte die Röte in meinem Gesicht. "Guten Tag, Herr Hint." Ich schaute ihm etwas genauer ins Gesicht und merkte, dass er unglücklich aussah. "Hallo. Dürfte ich kurz mit dir reden, Christina?", fragte er mich, während er meinem Gesicht etwas näher kam, um nicht so schreien zu müssen. Ich nickte und ging mit ihm die Treppen hoch. Er sperrte ein beliebiges Klassenzimmer auf und stellte seine Tasche auf dem Pult ab. "Kein Sorge, ich hab hier dann sowieso gleich Unterricht. Setz dich irgendwo hin", bot er mir an. Ich zog die Tür hinter mir zu und setzte mich ihm gegenüber. "Ich weiß, ich bin nicht der Schulpsychologe oder Beratungslehrer, aber du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen darfst." Ich nickte nur, denn ich wusste nicht, was ich zu diesen Worten sagen sollte. "Herr Hint, es ist schon alles ok." Er schüttelte nur den Kopf und sagte: "Christina, ich hab doch dein Gesicht gesehen. Und bestimmt hat dich die Lehrerin nicht umsonst angemault. Ich höre dir zu, du kannst mir alles erzählen." Ich atmete einmal laut aus und gab dann anschließend nach. "Ok. Ich habe eine Krankheit. Und fast keiner weiß eigentlich etwas davon. Und das soll auch so bleiben. Naja, und ich hab in letzter Zeit relativ typische Anfälle." Ich hörte für einen Moment auf zu reden, um Herr Hints Reaktion zu sehen. Ich nickte nur und man sah einen großes Fragezeichen über ihm schweben. "Ich bin Diabethikerin", sagte ich, nachdem ich einmal tief durchatmete. Sofort veränderte sich der fragende Blick zu einem besorgten Blick. Genau dieses Blick hasste ich über alles. "Bitte schauen Sie nicht so. Dieser Blick ist so unangenehm, Herr Hint." Er rührte sich nicht mehr, also stand ich auf und stellte mich vor ihm hin. "Herr Hint?" - Keine Antwort. "Christopher?" Endlich bewegte er sich und richtete sich auf. Er räusperte sich kurz und antwortete dann: "Tut mir leid. Wahrscheinlich hab ich dich grad total angestarrt, aber das ist schon ziemlich ungewöhnlich in deinem Alter. Du bist 16 oder?" Ich nickte und drehte mich zum Fenster. "Vor drei Jahren hat es bereits angefangen. Damals bekam ich dann die Diagnose und ab dann änderte sich alles. Das Schönste war, dass sich meine Eltern endlich richtig um mich kümmerten. Leider wurde das ... nun ja, ziemlich nervig." Ich hörte wie der Lehrer aufstand und zu mir kam. In dem Moment spürte ich, wie meine Tränen hoch kamen und am Liebsten hätte ich direkt losgeweint. "In letzter Zeit hatte ich wieder einige Anfälle und das setzt mir einfach ziemlich zu. Schlagartig drehte ich mich zu ihm um und hob ganz leicht mein T-Shirt. Man sah das Kabel von meinem Insulinmessgerät. Herr Hint blickte auf das besagte Kabel und wieder regte er sich nicht. Ich stülpte mein Shirt wieder drüber und drehte mich wieder mit dem Rücken zu ihm. Dann fing ich wirklich an zu weinen. Ich schluchzte so leise wie es nur ging, aber Christopher bemerkte es und legte seine Hände auf meine Schultern. Ich schaute einfach aus dem Fenster und sah den Bäumen zu, wie sie durch den Wind hin und her schwankten. "Christina, hör auf zu weinen. Soll ich deine Eltern anrufen, dass sie dich abholen kommen?", fragte er mich vorsichtig. Ich schüttelte nur den Kopf und entriss mich langsam aus seinem Griff. "Ich muss gehen. Der Unterricht fängt gleich wieder an." Während ich das sagte, wischte ich meine Tränen aus dem Gesicht und steuerte auf die Tür zu. "Danke. Danke für's Zuhören, Christopher", sagte ich noch, ohne mich umzudrehen. Ich öffnete die Tür und trat raus in den Gang des 1. Stockwerkes. Es liefen schon 5. und 6. Klässler herum und schubsten sich gegenseitig, also hieß es, dass es schon gegongt haben muss und ich ihn einfach überhört hatte. Trotzdem ließ ich mir Zeit zum Klassenzimmer, denn eilig hatte ich es nicht, egal ob ich zu spät war oder nicht.
Kurz darauf kam ich beim Klassenzimmer an und keiner stand draußen. Also mussten sie schon drinnen sein. Ich klopfte an der Tür und öffnete sie dann. Ich blickte ins Klassenzimmer und sah Freunde von mir drinnen sitzen. "Tut mir leid, hatte noch etwas mit einem Lehrer zu besprechen", erklärte ich meinem Sozialkundelehrer. "Setz dich, wir haben noch nicht angefangen."
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