Ich versuchte einfach mit ihm zu reden, aber es half nichts. Ich war nicht gut in Witze erzählen, also ließ ich es gleich bleiben, aber irgendetwas musste doch funktionieren. Tobi ließ sich zur Seite auf mein Bett fallen und lag einfach da. "Tobi? Mein Vater ist so ein Arschloch. Auf ihn brauchst du echt nicht zu hören!" "Es ist nicht wegen deinem Vater. Es ist, weil ich Julia einfach vermisse. Und dein Dad hat ja auch recht, denn ich komm einfach angekrochen, nur weil es mir scheiße geht und hatte dabei vergessen, dass du noch verletzt bist. Ich glaube, ich gehe besser." Er klang sehr bedrückt, wodurch meine Wut auf meinen Papa nur noch größer wurde. "Nein!", schrie ich ihn an, "du bleibst hier! Mein Vater hat nicht recht, denn ich bin froh, dass ich dir so viel bedeute, dass du mir das erzählt hast. Das weiß er nicht zu schätzen, so wie ich." Endlich sah ich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen auftauchen. "Na also, da ist ja dein Grinsen." Auch ich lächelte, denn es hat doch irgendetwas geklappt, um ihn etwas aufzuheitern. "Komm, wir gehen nochmal runter und du ignorierst einfach meinen Vater. Das musst du dir nicht antun, aber hauptsache du bleibst hier und verschwindest nicht wieder." Er nahm mich in den Arm und flüsterte "Danke" in mein Ohr.
Wir stiegen die Treppen hinab zur Küche und ich holte Erdbeeren aus dem Kühlschrank, die wir mit ein wenig Joghurt und Zucker aßen. Es war zwar still, aber keine peinliche Stille, sondern einfach eine angenehme Ruhe. Als wir fertig waren, räumten wir noch alles weg und wollten die Küche wieder verlassen, als mein Vater plötzlich vor der Tür stand. Er sah ein wenig bedrückt aus. 'Wenigstens hat er sich zu Herzen genommen, was ich ihm gesagt hatte.' "Tobias, es tut mir wirklich leid. Ich hätte nicht so taktlos sein dürfen, vor allem weil ich genau weiß, wie du dich fühlst." "Ach ja? Woher?", sagte Tobias mit spitzer Zunge. "Ich hatte auch eine Adoptivschwester. Der Unterschied allerdings ist, dass sie den Freitod gewählt hat." Mein Ex-Freund machte große Augen. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Mein Vater reichte ihm die Hand und fragte: "Können wir nochmal von vorne anfangen? Ich mag dich auch eigentlich, aber diese Trennung macht mir irgendwie zu schaffen, obwohl ich da ja eigentlich nicht involviert bin." Tobias schaute auf seine Hand und dann auf die meines Vaters, bis er schließlich die Entschuldigung und den Neuanfang annahm und die Hand von meinem Dad schüttelte. Beide lächelten sich an und mein Vater zog mich mit der anderen Hand zu sich in den Arm.
Nach diesem Neuanfang war ich ziemlich müde und deshalb ließ ich Tobi bei meinen Eltern allein, solange ich mich duschte, meine Zähle putzte und mich umzog. Anschließend stolzierte ich wieder ins Wohnzimmer runter und sagte zu Tobi: "Wenn du willst, kannst auch du dich etwas frisch machen. Das Bad ist frei." Er lächelte und nickte. Auf halbem Weg hielt er nochmal an und sah mich glücklich an, während er mit seinen Lippen ein 'Danke' formte. Ich nickte nur und ging zu meinen Eltern. Sie schauten gerade irgendeine Castingshow, die mich wenig interessierte, doch ich setzte mich einfach zu ihnen. "Dir liegt wohl viel an dem Jungen, nicht wahr?", fragte mich mein Vater in Flüsterton. Ich schaute ihn an und nickte. "Auch wenn er Schluss gemacht hat, vielleicht sollte es einfach so sein und deshalb versuchen wir es jetzt als Freunde. Die Frage ist nur, ob ich so schnell wieder jemanden kennen lerne, der mich so liebt beziehungsweise mag, so wie er es tat. Vielleicht auch tut, also mögen." Mein Vater legte seinen Arm um mich und zog mich näher zu sich, sodass ich meinen Kopf auf seine Schulter ablegen konnte. Nach etwa 20 Minuten kam Tobi umgezogen runter, aber in Straßenklamotten. "Tobi? Was soll das?" "Wo hast du meine Reisetasche hingestellt?", fragte mein Ex-Freund mich. "Nein, stop! Du bleibst hier. Mein Vater hat sich entschuldigt, das heißt, dass du zu 100% hier bleiben darfst, oder Papa?" Ich drehte mich zu ihm um und sah ihn hilfesuchend an. "Ja klar! Unser Neuanfang bedeutet auch, dass du hier willkommen bist, Tobias. Du kannst dich natürlich wieder im Gästezimmer einnisten." Ich lächelte ihn und dann Tobi an, aber seine bedrückte Miene veränderte sich gar nicht. Ich ging auf ihn zu und je näher ich ihm kam, desto mehr Schritte kam er auch mir entgegen. "Ich muss gehen", flüsterte er mir ins Ohr. Ich sah ihn an und packte ihn am Arm. "Nein! Hörst du nicht, was mein Dad gesagt hat?" "Doch, aber es gibt nur Stress und..." "Nein! Hör jetzt auf und zieh dich in bequeme Sachen um. Du bleibst hier und fertig! Wenn es sein muss, zwinge ich dich zu deinem Glück." Der Spruch ließ ein Lächeln auf seinen Lippen auftauchen, was mich erleichterte. Er nickte nun und ging ins Gästezimmer. Ich hüpfte solange die Treppen hoch und holte seine Reisetasche, um sie ihm ins Zimmer zu bringen. Plötzlich klopfte es an meiner Zimmertür und drehte mich erschrocken um. "Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken", sagte Tobi leicht amüsiert. Ich lachte und bewarf ihn mit einem Kissen, das er mir wieder zurück warf. "Wieso willst du unbedingt, dass ich bleibe?" "Weil mein Vater sich nicht umsonst entschuldigt hat. Und weil ich will, dass du weißt, dass ich immer für dich da bin." Wieder lächelte er mich an und kam näher zu mir. "Danke, du bist echt eine gute Freundin, und das obwohl ich eigentlich ziemlich gemein war, als wir uns getrennt haben. Hast du mir das eigentlich schon verziehen?" "Ja, habe ich und das habe ich dir auch schon gesagt. Solange wir wirklich Freunde werden und auch bleiben, geht es mir gut, denn ich brauche dich auf irgendeine Art und Weise an meine Seite. Verstehst du das?" Tobias nickte und nahm mich in den Arm. Es tat gut.Wir lösten uns wieder aus der Umarmung ich er nahm sich seine Tasche und zog sie nach unten ins Gästezimmer. "Gute Nacht, Chrissi." "Gute Nacht, Tobi", antwortete ich ihm und machte dann die Tür hinter ihm zu, damit ich mich in mein Bett legen konnte und die Augen schließen konnte.