Sonntag, Juli 19, 2015

Kapitel #38

Tobias' Sicht:
Ich ging ganz langsam auf meine Eltern zu. Meine Mutter musste die Schritte gehört haben, denn sie hob ihren Kopf und schaute mich mit ihren großen, braunen und verheulten Augen an. "Mama? Dad? Was ist passiert? Und wo ist Julia?" Nach der letzten Frage brach meine Mutter wieder in Tränen aus. Ich setzte mich sofort neben sie und nahm sie in den Arm, damit sie sich auf meiner Schulter ausweinen konnte. Meine Dad gab mir mit seinem Kopf ein Zeichen, dass ich mit ihm gehen sollte. Ich sah auf Mum runter und flüsterte: "Ich gehe kurz mit Dad mit. Leg dich solange hier auf das Kissen und versuch dich zu beruhigen." Sie nickte und legte sich auf der anderen Seite der Couch mit ihrem Kopf hin, wodurch ich meinem Vater ins Nebenzimmer folgen konnte. Ich blickte noch einmal zurück zu meiner Mutter und verschwand dann im Zimmer. "Also, was ist passiert?" "Sohn, wir wollten mit deiner Adoptivschwester zu einem großen Markt fahren. Als wir angekommen sind, war sie noch neben uns, aber nach nicht einmal 5 Minuten war sie plötzlich weg. Wir haben alles abgesucht, aber nichts gefunden. Dann haben wir die Polizei verständigt und die wollten uns nicht helfen, weil sie meinten, dass Julia alt genug sei, um zu wissen, wo sie herumläuft." Ich merkte, wie sauer mein Vater wurde, was natürlich auch verständlich war. "Und dann bekamen wir einen Anruf, wo jemand mit verstellter Stimme zu uns sprach und uns sagte, wo er sich mit Julia befand. Wir fuhren sofort hin, natürlich noch mit der Polizei, denn jetzt hatten sie Beweise. Kurz bevor wir ankamen, hörte man einen lauten Schuss. Deine Mutter schrie und befahl mir noch schneller zu fahren. Wir waren da und fanden..." Mein Vater musste nicht weiterreden, er konnte sowieso nicht, weil auch ihm die Tränen kamen. Trotzdem setzte er noch einmal an und erzählte weiter: "Neben ihr fanden wir einen Zettel, auf dem stand: 'Ich habe die Sirene von Weitem gehört, darum blieb mir nichts anderes übrig'." Mein Vater brach vor meinen Augen zusammen und auch ich fing am ganzen Leib an zu zittern. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mich ein weiteres Mädchen verlassen würde. Sofort musste ich wieder an Christina denken und wie sie mit irgendwelchen Typen unterwegs ist. Wie ferngesteuert lief ich aus dem Zimmer heraus in Richtung Wohnungstür und trat heraus. Ich wusste nicht wohin mit mir. Ich lief einfach irgendwohin und zu meinem Glück fing es auch noch an zu regnen. Ich tätschelte in meiner Jackentasche herum und holte meinen Packung Zigaretten heraus, denn jetzt brauchte ich eine Kippe mehr denn je. Ich qualmte sie viel zu schnell weg - ich war natürlich nervös und angespannt. Am Liebsten hätte ich irgendetwas oder irgendjemanden geschlagen, aber das konnte ich mir nicht leisten, vor allem nicht, nachdem ich schon eine Vorstrafe hatte, auch wegen Körperverletzung. Ich lief einfach weiter und weiter und wollte gar nicht mehr stehen bleiben.

Sichtwechsel: Christina
'Hat er mich wirklich verlassen? Was soll ich ohne ihn tun?' Ich machte mein Bett schön, räumte meinen Schreibtisch auf und versuchte dabei nicht an meinen Ex-Freund zu denken. "Schatz? Hör auf aufzuräumen und setz dich zu mir." Meine Mutter zog mich an meinem Arm, aber ich hatte nicht einmal bemerkt, dass sie mein Zimmer betrat. Ich setzte mich neben sie, aber starrte einfach nur den Laminatboden an. "Schätzchen, du musst mit mir reden. Was ist zwischen euch vorgefallen?" Ich konnte nicht reden. Ich öffnete den Mund, aber es kamen keine Wort raus, kein Ton. Ich spürte ihre Hand über meinen Rücken streichen. Ohne ein Wort zu sagen stand ich einfach auf und ging wieder zum Schreibtisch zurück. Ich spürte den Blick meiner Mutter auf mir, aber ich wollte mich nicht zu ihr umdrehen. "Wenn du nicht mit jemandem redest, wird es auch nicht besser. Oder denkst du, dass es dadurch ungeschehen wird?" "Nein, aber kommt er zu mir zurück, wenn ich mit dir oder jemandem rede?", schrie ich meine Mutter an. Sie erschrak, anscheinend hatte sie nicht mit so einer ausdrucksstarken Antwort gerechnet. Ich schmiss einfach alles auf den Boden und rannte aus meinem Zimmer. Raus aus dem Haus an die Luft. Ich hatte wieder keine Zigarette, aber da kamen rauchende Passanten vorbei, die ich um eine Kippe und Feuer bat. Ich qualmte die Zigarette und weinte dabei. Ich weinte ohne Ende, aber kein Wunder. Ich liebte Tobias!

Mittwoch, Juli 08, 2015

Kapitel #37

"Wieso bist du jetzt so eiskalt zu mir, Tobias?" Man hörte, dass ich den Tränen nah war, aber ich versuchte sie noch zurück zu halten. "Zuerst das mit Lukas und jetzt auch noch mit einem fremden älteren Mann? Ich kann langsam nicht mehr, Christina! Anscheinend bist du ganz schön begehrt." Jetzt konnte ich wirklich nicht mehr. "Du stellst mich gerade als Schlampe dar! Und außerdem steht keiner von ihnen auf mich! Herr Hints Frau hat mich eingeladen und ich wollte höflich sein und hab diese Einladung angenommen. Daran ist doch nichts Falsches!" Ich war traurig, verletzt und wütend. Alles auf einmal. 'Wie kann er mir so etwas unterstellen? Ok, das mit Lukas war wirklich merkwürdig, aber er hat sich ja auch nicht mehr gemeldet. Warum macht er aus so einer Mücke einen so großen Elefanten?' "Tobias, ich liebe dich! Nur dich, und das kann keiner ändern. Ich verstehe mich aber mit Herr Hint und seiner Frau so gut und wenn du sie näher kennen lernen würdest, würdest du mich verstehen." Tobias schaute mich endlich wieder an und auch seine Augen waren glasig. Von dem Moment an war mir Eines klar: Er liebte mich! Am Liebsten wäre ich ihm um den Hals gesprungen und hätte ihn getröstet, aber er machte keinen Anschein, dass er das wollte. "Wir brauchen eine Pause. Du kannst das Ticket für den Ballon behalten und mal schauen, ob wir es benutzen oder nicht." "Nein. Nein, nein nein! Tobias, tue mir das nicht an! Ich liebe dich und ich verspreche dir, dass ich sie nie wieder treffe, wenn du es willst." "Es geht hier nicht darum, was ich will, sondern was du willst und anscheinend willst du die Freundschaft und nicht unsere Beziehung. Es ist das Beste." Ich schüttelte nur den Kopf und weinte los. Mein Herz fühlte sich an, als würde ein Dolch durchgestochen werden. Ich versteckte mein Gesicht in meinen Händen, als ich spürte, wie sich die Matratze hochdrückte. Ich schaute hoch und sah wie Tobias das Zimmer verließ. Ich schmiss mich einfach seitlich auf mein Bett und weinte weiter. Ich versuchte mich zu beruhigen, aber das Weinen entwickelte sich zu einem Heulkrampf.
Nach einiger Zeit hatte ich mich ein wenig beruhigt und versuchte aufzustehen, um runter zu gehen. Ich wollte Tobias nicht gehen lassen, schließlich liebte ich ihn. Ich stolzierte also die Treppen runter und sah gerade noch, wie Tobi mit seiner Reisetasche das Haus verließ. Meine Tränen flossen weiter und dann kamen auch meine Eltern zu mir und drückten mich. "Was ist passiert, Kleines? Wieso ist er gegangen?" Ich wollte ihnen immer noch nichts von Herr Hint erzählen. Sie würden das sicher nicht besser aufnehmen als mein Freund. Oder sollte ich Ex-Freund sagen?
"Wir haben uns gestritten. Ich will noch nicht darüber reden." Sie sagten nichts mehr, sondern drückten mich nur noch stärker an sich. Diese Nähe brauchte ich in dem Moment.
Inzwischen sind 2 Stunden vergangen, in denen ich auf dem Sofa mit herangezogenen Knien saß. Meine Eltern versuchten noch einige Male mit mir darüber zu reden, aber ich wollte es nicht. Ich wollte mir selbst noch nicht einmal eingestehen, dass es mit Tobias wahrscheinlich zu Ende ist. Meine Tränen flossen und das Einzige woran ich denken konnte, war, dass ich einfach bescheuert war. Ich hätte doch nicht die Einladung annehmen sollen. 'Christopher hat alles kaputt gemacht.Wieso musste ich auch damals in ihn rein laufen? Dann würden wir uns wahrscheinlich nicht einmal kennen.' Ich schaute kurz auf die Uhr und sah, dass es inzwischen 17:45 war. Ich wischte mir noch einmal die Tränen weg, stand von der Couch auf und sagte noch: "Ich gehe mal hoch und räume mein Zimmer ein wenig auf."

Sichtwechsel: Tobias
Ich war total verwirrt. Ich wusste nicht einmal, ob ich traurig, verletzt oder wütend war, weil ich zu dem Zeitpunkt alles hätte sein können. Da hatte ich nun mein Reisetasche in der Hand und wusste nicht, wohin ich sollte. Ich schaute kurz auf die Uhr und es war erst 16:10 Uhr. 'Na toll, meine Eltern kommen erst um 18 Uhr am Bahnhof an. Solange muss ich noch herumlaufen und mich langweilen.' Ich zog aus meiner Tasche meine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug und zündete mir eine Kippe an. Ich schmiss meine Sachen einfach auf den Asphalt und setzte mich daneben. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken und das funktionierte am Besten mit einer Zigarette. Ich musste über die letzten Geschehnisse nachdenken. Ich musste meine Gedanken ordnen, denn sie flogen kreuz und quer durch meinen Kopf. Ich wollte Christina zuhören und auch glauben, aber es ging einfach nicht. Zuerst davor das Treffen mit diesem Lukas und dann hat er auch noch angerufen. Und dann auch noch dieser Lehrer, mit dem sie eigentlich nichts zu tun hatte. 'Geht man einfach so zu einem fremden Menschen nach Hause? Auch wenn es eine Einladung zum Essen war. Ich liebe sie doch, warum tut sie mir das an und lässt mich so viel über andere Männer grübeln?' Wie das schon klang, andere Männer. Das klang so, als würde sie Ältere bevorzugen. Vielleicht tat sie das auch, das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Ich qualmte die Kippe zu Ende, aber blieb dort sitzen. Einige Passanten liefen an mir vorbei und schauten mich natürlich dumm an, aber mir machte das nichts aus. Dann sah ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Pärchen vorbeilaufen. Der Mann sah wie Herr Hint aus und die Frau an seiner Seite musste seine Frau sein. Aber als ich einmal blinzelte sah der Mann komplett anders aus, also musste ich ihn mir eingebildet haben. 'Er steckt also auch schon in meinen Gedanken fest, na großartig.' Dieses Mal stand ich auf und ging weiter in Richtung meiner Wohnung. Ich kam nach etwa 20 Minuten laufen dort an und zog meine Hausschlüssel aus der Tasche, um einzutreten. Komischerweise lagen neben der Wohnungstür die Schuhe meiner Eltern, aber nicht die meiner Adoptivschwester. Ich sperrte die Tür auf und sah einen großen Koffer im Flur stehen - meine Eltern waren schon da. Ich trat ins Wohnzimmer und fand meine Mutter tränenaufgelöst auf der Couch sitzen und mein Vater saß neben ihr und strich ihr über den Rücken.