Dienstag, März 17, 2015

Kapitel #31

Die nächsten Schulstunden vergingen zum Glück ziemlich schnell. Auf dem Heimweg steckte ich mir die Kopfhörer in meine Ohren und hörte Musik. Ich wartete an der Bushaltestelle auf meinen Bus und stieg dann ein, als er endlich da war. Die nächsten 10 Minuten wurde ich von meinen Mitschülern im Bus herumgeschubst, weil er ziemlich voll war und der Busfahrer nicht fahren konnte. Am Busbahnhof musste ich dann wie immer umsteigen, als mir plötzlich jemand auf meine Schulter tippte. Ich nahm einen Kopfhörer raus und drehte mich einmal um 180°. Es war Lukas. "Hey, Chrissi." "Hey, Lukas. Wie geht es dir?", fragte ich ihn, während ich ihn in meine Arme schloss. "Sehr gut. Hast du Schluss?" Ich nickte und hörte, wie der Bus den Motor anließ. Am Liebsten wäre ich noch schnell hingerannt, aber ich konnte Lukas nicht einfach stehen lassen, also blieb ich da, wo ich war. "Hast du vielleicht später Zeit für mich? Dass du vielleicht wieder zu mir kommst, oder wir in den Park hier in der Nähe gehen?" Während er das fragte, hatte er eine süße und schüchterne Stimme. Ich schenkte ihm ein Lächeln und antwortete: "Klar, aber ich muss erst Heim und Hausaufgaben machen. Ich ruf dich an, wenn ich fertig bin, ok?" Auch er lächelte anschließend und nickte dabei. "Ok, aber ich muss jetzt zu meinem Bus. Bis später dann." Wir umarmten uns noch und dann setzte ich mich in Bewegung. Es stand noch ein anderer Bus da, mit dem ich auch fahren konnte. Ich steckte mir den Kopfhörer wieder ins Ohr und fuhr nach Hause.
Zuhause angekommen, schmiss ich meine Tasche auf das Sofa im Wohnzimmer und lief in die Küche, um das Essen vom Vortag warm zu machen. Ich aß in Ruhe und versuchte nebenbei meine Mathehausaufgaben zu machen. Zum Glück war das Thema nicht sonderlich schwer. Kurz bevor ich fertig mit Essen und der Hausaufgabe war, vibrierte mein Handy neben mir. Ich blickte auf den Bildschirm und sah den Namen 'Schatz' aufleuchten. "Hey, Tobi." "Hey, Schatz. Was machst du?" "Ich esse und du?" Ich nahm meinen leeren Teller in die Hand und ging zurück in die Küche, wo ich meinen Teller in die Spülmaschine legte. "Ich langweile mich. Hast du Zeit? Ich hab Lust zum Teich zu fahren. Es ist so schönes Wetter." Ich überlegte kurz, denn eigentlich wollte ich ja was mit Lukas machen. "Ehm, naja..." "Hast du keine Lust auf mich?" Er klang wie so ein kleines Kind und ich stellte mir in Gedanken seinen Schmollmund vor. "Doch doch, klar Schatz. Aber die Zeit..." "Hast du keine Zeit? Du wirst doch wohl zwei Stunden für deinen Freund finden, oder?" Irgendwie fand ich es süß, dass er unbedingt etwas mit mir machen wollte, nur wollte ich jetzt Lukas nicht absagen. Andererseits ist Tobias halt mein Freund und er steht eigentlich an erster Stelle. "Ok, treffen wir uns um 15:30 am Bahnhof?" "Ok, Schatz. Bis dann, ich liebe dich!" "Ich dich auch", sagte ich mit einem Lächeln im Gesicht. Wir legten beide auf und das erste, das mir einfiel war: 'Wie habe ich so einen wundervollen Jungen verdient?' Ich brachte meine Schultasche hoch in mein Zimmer und zog mir schnell ein lockeres Oberteil an, denn es war ziemlich warm draußen für diese Zeit. Ich schaute mich im Spiegel an und überlegte, ob ich etwas brauchte. 'Tabletten, Diabetiker-Pass, Geld, Handy, Schlüssel, Parfüm. Ich glaube das war's.' Ich flitzte die Treppen runter, hinterließ meinem Dad noch einen Zettel, auf dem mein Aufenthaltsort stand und zog mir meine weißen Converse an. Ich verließ das Haus und zog die Tür hinter mir zu.
Wir trafen uns wie immer an der einen Kreuzung, wo sich unsere beiden Straßen kreuzten und küssten uns zur Begrüßung. Sofort war ich überglücklich, so wie immer, wenn er bei mir war. "Wieso hast du anfangs gezögert? Hattest du keine Lust?", fragte er mich, während wir Hand in Hand zum Zugbahnhof liefen. Ich überlegte, ob ich ihm sagen sollte, dass Lukas mich auch gefragt hatte und entschied mich dafür. "Lust habe ich immer, und das weißt du. Aber ich hab Lukas am Busbahnhof getroffen und er wollte auch was machen. Aber mal ehrlich, ich mache viele lieber etwas mit dir." Nach dem Satz lächelten wir uns beide an und er gab mir einen Kuss auf die Stirn. "Meine kleine Prinzessin. Wenn du doch auch mal etwas mit jemand anderes machen willst, kannst du es gerne sagen. Ich habe damit kein Problem, ok?" Ich nickte und legte vorsichtig meinen Kopf auf seine Schulter, während wir weiter liefen.
Mit dem Zug mussten wir nur 5 Minuten fahren und dann noch etwa 3 Minuten laufen und dann waren wir da. Es saßen viele Pärchen auf den Bänken rund um den Weiher. Es joggten auch einige um ihn herum oder gingen mit ihren Hunden Gassi. Wir fanden eine freie Bank und setzten uns auf ihr. Tobias legte einen Arm um mich und ich kuschelte mich an ihn. Er küsste nochmal meine Stirn und legte dann seinen Kopf auf meinen. So saßen wir etwa 10 Minuten da und sahen den Enten zu, wie sie sich auf dem Weiher fortbewegten. Plötzlich klingelte mein Handy. Es war Lukas, wer sonst. Ich entschied mich, nicht dran zu gehen, aber mein Freund merkte, dass etwas nicht stimmte. "Ruf ihn zurück. Sag ihm, dass du mit deinem Freund unterwegs bist und dass du morgen Zeit hättest." "Hab ich aber nicht. Ich muss viel für den Mathetest am Freitag lernen." Ich blickte auf mein Handy und da überkamen mich meine Schuldgefühle. "Dann halt übermorgen. Er muss es verstehen, weil du ja einen Freund hast." "Das weiß er aber nicht, Schatz." Nach diesem Satz zog er seinen Arm weg und schaute mich ernst und gleichzeitig schockiert an. "Bitte was? Wieso das denn?" Er zog eine Augenbraue hoch. 'Ist er jetzt verletzt?' Mein Freund verschränkte seine Arme. "Ich hab es halt vergessen.Hat nichts mit dir zutun." Jetzt hob er beide Augenbrauen hoch. Wieder klingelte mein Handy und wieder war es Lukas. "Geh ran und sag es ihm!", befahl Tobi mir. Ich nickte nur und ging ran. "Hallo." "Hey, Christina. Was ist los, du wolltest doch anrufen, oder bist du noch gar nicht fertig?" Kurz herrschte Stille, aber dann nahm mir Tobias einfach mein Handy weg und sagte: "Hey, Lukas. Mein Name ist Tobi, ich bin Chrissis Freund. Sie ist jetzt mit mir unterwegs, aber wenn du willst, könnt ihr übermorgen was machen. Da hätte sie Zeit." Ich saß wie angewurzelt da und schaute Tobias einfach an. Plötzlich zog Tobias das Handy von seinem Ohr weg und starrte auf mein Handy. "Hat der jetzt echt einfach aufgelegt?" "Anscheinend. Er hat wohl etwas gegen diese Beziehung. Vielleicht steht er ja doch auf..." "Nein, stop! Er kennt mich ja nicht mal, und ich ihn noch weniger." Tobias lachte nur, rollte dabei die Augen und gab mir anschließend mein Handy wieder. Wir setzten uns wieder so hin, wie zuvor und diesmal hörte ich seinen Herzschlag, der ein wenig schneller als meiner war. 'Ist er aufgeregt wegen Lukas?'

Samstag, März 14, 2015

Kapitel #30

Es war der Mann, der mich aus irgendeinem Grund jedes Mal völlig aus der Fassung brachte. Ich drehte mich zu ihm um und spürte die Röte in meinem Gesicht. "Guten Tag, Herr Hint." Ich schaute ihm etwas genauer ins Gesicht und merkte, dass er unglücklich aussah. "Hallo. Dürfte ich kurz mit dir reden, Christina?", fragte er mich, während er meinem Gesicht etwas näher kam, um nicht so schreien zu müssen. Ich nickte und ging mit ihm die Treppen hoch. Er sperrte ein beliebiges Klassenzimmer auf und stellte seine Tasche auf dem Pult ab. "Kein Sorge, ich hab hier dann sowieso gleich Unterricht. Setz dich irgendwo hin", bot er mir an. Ich zog die Tür hinter mir zu und setzte mich ihm gegenüber. "Ich weiß, ich bin nicht der Schulpsychologe oder Beratungslehrer, aber du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen darfst." Ich nickte nur, denn ich wusste nicht, was ich zu diesen Worten sagen sollte. "Herr Hint, es ist schon alles ok." Er schüttelte nur den Kopf und sagte: "Christina, ich hab doch dein Gesicht gesehen. Und bestimmt hat dich die Lehrerin nicht umsonst angemault. Ich höre dir zu, du kannst mir alles erzählen." Ich atmete einmal laut aus und gab dann anschließend nach. "Ok. Ich habe eine Krankheit. Und fast keiner weiß eigentlich etwas davon. Und das soll auch so bleiben. Naja, und ich hab in letzter Zeit relativ typische Anfälle." Ich hörte für einen Moment auf zu reden, um Herr Hints Reaktion zu sehen. Ich nickte nur und man sah einen großes Fragezeichen über ihm schweben. "Ich bin Diabethikerin", sagte ich, nachdem ich einmal tief durchatmete. Sofort veränderte sich der fragende Blick zu einem besorgten Blick. Genau dieses Blick hasste ich über alles. "Bitte schauen Sie nicht so. Dieser Blick ist so unangenehm, Herr Hint." Er rührte sich nicht mehr, also stand ich auf und stellte mich vor ihm hin. "Herr Hint?" - Keine Antwort. "Christopher?" Endlich bewegte er sich und richtete sich auf. Er räusperte sich kurz und antwortete dann: "Tut mir leid. Wahrscheinlich hab ich dich grad total angestarrt, aber das ist schon ziemlich ungewöhnlich in deinem Alter. Du bist 16 oder?" Ich nickte und drehte mich zum Fenster. "Vor drei Jahren hat es bereits angefangen. Damals bekam ich dann die Diagnose und ab dann änderte sich alles. Das Schönste war, dass sich meine Eltern endlich richtig um mich kümmerten. Leider wurde das ... nun ja, ziemlich nervig." Ich hörte wie der Lehrer aufstand und zu mir kam. In dem Moment spürte ich, wie meine Tränen hoch kamen und am Liebsten hätte ich direkt losgeweint. "In letzter Zeit hatte ich wieder einige Anfälle und das setzt mir einfach ziemlich zu. Schlagartig drehte ich mich zu ihm um und hob ganz leicht mein T-Shirt. Man sah das Kabel von meinem Insulinmessgerät. Herr Hint blickte auf das besagte Kabel und wieder regte er sich nicht. Ich stülpte mein Shirt wieder drüber und drehte mich wieder mit dem Rücken zu ihm. Dann fing ich wirklich an zu weinen. Ich schluchzte so leise wie es nur ging, aber Christopher bemerkte es und legte seine Hände auf meine Schultern. Ich schaute einfach aus dem Fenster und sah den Bäumen zu, wie sie durch den Wind hin und her schwankten. "Christina, hör auf zu weinen. Soll ich deine Eltern anrufen, dass sie dich abholen kommen?", fragte er mich vorsichtig. Ich schüttelte nur den Kopf und entriss mich langsam aus seinem Griff. "Ich muss gehen. Der Unterricht fängt gleich wieder an." Während ich das sagte, wischte ich meine Tränen aus dem Gesicht und steuerte auf die Tür zu. "Danke. Danke für's Zuhören, Christopher", sagte ich noch, ohne mich umzudrehen. Ich öffnete die Tür und trat raus in den Gang des 1. Stockwerkes. Es liefen schon 5. und 6. Klässler herum und schubsten sich gegenseitig, also hieß es, dass es schon gegongt haben muss und ich ihn einfach überhört hatte. Trotzdem ließ ich mir Zeit zum Klassenzimmer, denn eilig hatte ich es nicht, egal ob ich zu spät war oder nicht.
Kurz darauf kam ich beim Klassenzimmer an und keiner stand draußen. Also mussten sie schon drinnen sein. Ich klopfte an der Tür und öffnete sie dann. Ich blickte ins Klassenzimmer und sah Freunde von mir drinnen sitzen. "Tut mir leid, hatte noch etwas mit einem Lehrer zu besprechen", erklärte ich meinem Sozialkundelehrer. "Setz dich, wir haben noch nicht angefangen."