Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich verpasste ganz knapp die S-Bahn, also beschloss ich, nach Hause zu laufen. In den fast 45 Minuten dachte ich sehr intensiv über alles nach. 'Hatte Tobias recht? War das sie ganze Zeit mehr zwischen Christopher und mir? Will auch ich etwas von ihm? Schließlich bin ich ihm zunächst auch entgegen gekommen, bis sich mein Verstand eingeschalten hat. Kann ich nach gerade Chris noch sehen, geschweige denn mit ihm reden?' Ich ging einfach weiter, lief mitten auf dem Weg und beachtete keinen Fußgänger, keinen Radfahrer oder sonst irgendjemanden, der an mir vorbei kam. Ich spürte zunächst auch mein Handy in meiner Hosentasche nicht, doch irgendwann dann doch, nur bis ich es herausholte, legte die Person schon auf. Es war Chris. 'Besser, dass ich nicht dran gegangen bin.' Ich wusste, dass ich ihm Unrecht tat, weil ich ihm ja eben nicht sofort widerstanden hatte, aber ich war trotzdem so verwirrt. Sollte das etwa heißen, dass Christopher mich sehr mochte? Das konnte nicht gut gehen, schließlich war er 13 Jahre älter als ich.
Plötzlich blieb ich abrupt stehen. Ich drehte mich plötzlich um und ging den ganzen Weg wieder zurück. Ich wollte es nicht, aber meine Füße trugen mich zum Weiher zurück. Ich kam sehr schnell dort an und Christopher saß immer noch auf der gleichen Bank und starrte aus seine Schuhe mit den Ellenbogen auf den Knien abgestützt. Ich ging einfach auf ihn zu und merkte ein Grinsen auf meinen Lippen. Ich blieb kurz vor ihm stehen und als wüsste er, dass ich es war, schaute er hoch zu mir und lächelte mich an. Ich setzte mich wieder neben ihn und legte meinen Kopf auf seine Brust und fing einfach an zu weinen. "Chrissi? Was ist los?" "Es tut mir so leid! Ich war so geschockt über ... über ..." "Den Fast-Kuss?", beendete er meinen Satz. Ich nickte und fragte vorsichtig: "War es gewollt von dir? Und wenn ja, was hatte das zu bedeuten?" Er drückte mich mit seinen Armen leicht nach hinten, wodurch ich ihm in die Augen schauen musste. "Es war Absicht und es gibt nur einen Grund dafür. Christina, ich mag dich wirklich sehr. Ich weiß, dass das total verrückt klingt, aber ich habe das schon vor einigen Wochen bemerkt und du hast mich schon fasziniert, als du in der Kirche in mich rein gelaufen bist. Ich dachte anfangs, dass ich einfach ein guter Freund für dich sein sollte, aber ich konnte es nicht länger verbergen. Deshalb finde ich die Scheidung von Janna auch so sinnvoll." Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte, aber es kamen erneut die Tränen, weil ich so berührt davon war. "Hör bitte auf zu weinen. Ich verstehe es total, wenn du nicht so empfindest wie ich. Der Altersunterschied ist natürlich eine schwierige Sache und..." "Hör au zu reden!", schrie ich ihn an und er sah mich daraufhin geschockt an. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. "Ich weine, weil ich so froh bin, dass du das gesagt hast. Ich habe auch schon seit längerem das Gefühl, dass du mehr als nur ein Freund für mich bist. Und das traurige ist leider, dass Tobias noch vor mir bemerkt hatte, was da zwischen uns ist. Das war ja auch der Grund unserer Trennung. Er ist bei mir und ich hatte anfangs noch die Hoffnung, dass doch was auch ihm und mir wird, aber jetzt will ich das gar nicht mehr. Ich hatte nicht bemerkt, dass das alles Schicksal war und es nur wollte, dass er und ich uns kennen lernen und gute Freunde werden, während es bei und beiden andersherum ist. Verstehst du, was ich meine?" Ich beruhigte mich durch mein Reden wieder und setzte mich richtig hin, während ich meine Tränen wegwischte. Chris lächelte, nein er strahlte mich an. "Genau in dieses Lächeln habe ich mich verliebt und ich bin froh, dass du es mir wieder zeigst. Es beruhigt mich. Du beruhigst mich."
Diesmal nahm er mein Gesicht in seine beiden Hände und zog es näher an seins. "Willst du es diesmal?" Ich lächelte und küsste ihn einfach. Es war ein langer Kuss. Ein langersehnter Kuss, der niemals hätte enden sollen. Irgendwann hörten wir auf und sahen uns einfach an. Er strahlte mich an und das tat auch ich. Glücklicher konnte ich nicht sein, doch dann viel es mir wieder ein. "Also wird das eine geheime Beziehung? Eine andere Wahl haben wir nicht, oder?" Er schüttelte den Kopf und küsste noch einmal meine Stirn. "Für's Erste müssen wir es so machen. Sowieso müssen wir noch die Scheidung hinter uns bringen, denn vorher wäre die Beziehung gefährlich, was das betrifft." Ich nickte langsam und entzog mich seinen Händen und nahm etwas Abstand zu ihm. "Wann immer du mich brauchst, kannst du mich anrufen. Sei es für eine Umarmung, zum Reden oder auch für einen Kuss. Ich wohne schließlich nicht weit." Wir lächelten uns an, küssten uns noch einmal und dann stand ich auf, um endgültig nach Hause zu gehen. Ich erwischte dieses Mal auch den Zug und fuhr überglücklich nach Hause, wo Tobi auf wartete. 'Ob er noch sauer ist? Ich hoffe nicht, aber auch das wird meine Laune nicht vermiesen können.' Ich öffnete die Haustür und rief: "Hallo, ich bin wieder da." Ich bekam keine Antwort, weshalb ich zunächst ins Wohnzimmer, dann in die Küche und dann ins Gästezimmer ging. Nirgends war er, auch nicht in meinem Zimmer oben. Ich setzte mich auf mein Bett, legte mich anschließend hin und lächelte weiter vor mich hin.
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