Samstag, September 03, 2016

Kapitel #57

Immer wieder las ich den Brief durch und erschrak erneut an der Geldsumme. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass mir meine Eltern so viel zurückgelassen hatten. "Chrissi? Ist alles in Ordnung?", fragte mich Christopher. Ich nickte nur stumm, aber behielt den Zettel im Auge. Endlich legte ich ihn einfach vor mir auf den Tisch und versuchte mich wenigstens ein wenig darüber zu freuen, dass sie in einem solchen Fall für mich vorgesorgt hatten. Ein Lächeln huschte über meine Lippen und ich sagte schon fast kalt: "Wow. Sie haben sogar mal an mich und meine Zukunft gedacht." Die Jungs sahen mich ungläubig an, wahrscheinlich aufgrund meines Untertons. "Was redest du da? Sie haben dich geliebt, so wie Eltern ihre Kinder eben lieben." "Ha! Das ich nicht lache. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, haben sie eigentlich nur Geld für mich ausgegeben, damit ich Ruhe gebe. Das ist keine Liebe, Tobias!" Wieder fing ich an zu weinen, aber diesmal aus Wut gegenüber meinen Eltern. Ich hatte mich nach ihrer Liebe gesehnt, aber davon bekam ich wenig zu spüren. Erst durch meine Krankheit haben sie richtiges Interesse bekommen, aber das war's dann auch schon wieder.
Chris und Tobi stand beide auf und knieten sich vor mich hin. Ich sah sie mit verheulten Augen an und wusste nicht, wem ich mich eher um den Hals hätte schmeißen sollen. Ich entschied mich für meinen 'Freund' und legte meinen Kopf auf Christophers Schulter. Er streichelte mir den Kopf und eine zweite, kleinere Hand streichelte mir den Rücken. 'Tobias.' Ich spürte die Wärme zweier Jungs und fühlte mich unendlich wohl. Plötzlich wurden wir von Chris' Handy gestört. Er löste sich aus der Umarmung, sah auf den Display und verschwand in der Küche. "Glaubst du, dass das seine Frau ist? Bestimmt sucht sie ihn schon." Ich nickte und starrte in Richtung zur Küche. Ich wartete, dass er zu uns zurück kam, aber er ließ lange auf sich warten. Irgendwann entschied ich mich dazu aufzustehen und zu ihm zu gehen. Ich spitzte ins Zimmer und erblickte einen auf-und-ab-laufenden Chris, der jedoch nicht mehr telefonierte. "Christopher?" Er erschrak leicht. "Oh, tut mir leid, Kleines. Ich hab dich gar nicht gehört oder gesehen." "Du wirkst leicht angespannt. Was ist los? War das Janna?", fragte ich besorgt und zugleich schuldbewusst. Er nickte nur und sah aus dem Fenster. "Was wollte sie?" Keine Antwort. Wir standen einfach etwa 5 Minuten so da: Ich beobachtete ihn und er beobachtete die Wolken am Himmel sowie den Sonnenuntergang. Irgendwann kam auch mein bester Freund zu uns legte eine Hand auf meine Schulter. Ich sah ihn an und er hatte einen fragenden Blick, den ich genau deuten konnte. Plötzlich antwortete Chris: "Sie sagte, dass meine Mutter bei uns sei und sich fragte, wo ich mich befände. Ich sagte Janna, dass ich kurzfristig eine Lehrerversammlung und ich jetzt im Stau stehen würde." Er drehte sich zu mir, mit einem Lächeln auf den Lippen. "Was ist? Ist das etwa gut?" "Ja, es ist perfekt. Du wirst meine Mutter kennenlernen." Ich bekam den Schock meines Lebens. 'Was? Ich soll seine Mama kennenlernen? Janna ist doch da und eben seine Mutter. Was hat er denn vor?' "Hast du dir den Kopf angeschlagen? Du kannst mich doch nicht deiner Mutter vorstellen! Was wird sie sich denn denken?" "Genau das, was es ist. Glaubst du etwa, dass ich es allzu lange vor Janna geheimhalten werde? Dachtest du, dass ich einfach weiter mit ihr verheiratet bleibe, obwohl ich nicht die Gefühle für sie hege, wie sie es tut?" Christopher sagte das mit solch einer Zuversicht und solch einem Enthusiasmus. "Du spinnst doch!" Das waren die einzigen Worte, die heraus bekam, bevor ich hoch in mein Zimmer rannte.
Ich dachte oben reichlich nach über uns und unsere Beziehung, falls man das so nennen konnte. 'Liebt er mich etwa so sehr, dass er seine Ehe für mich auf's Spiel setzen würde? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen! Er sagte zwar, dass es mit Janna nicht mehr gut lief und sich nicht mehr richtig anfühlte, aber das hätte man retten können. Doch er will angeblich lieber mich. Solche Liebesgeschichten, dachte ich, gibt es nur in Büchern. Es kann kein Happy End für uns geben! Er ist verheiratet und auch noch mein Lehrer. Ich werde keinen Privatunterricht nehmen, denn ich muss das wieder beenden! Es wird mir das Herz brechen, doch...' Ich wurde von einem Klopfen an der Tür aus meinen Gedanken gerissen. "Herein!" Chris trat herein und sah mich besorgt an. "Christina, was hast du denn? Freust du dich nicht, dass wir bald ohne Probleme zusammen sein können?" Ich schüttelte nur den Kopf. "Christopher, du verstehst das nicht! Du bist verheiratet und man wirft eine Ehe nicht einfach so über Bord! Janna liebt dich und du..." "Nein, ich liebe sie nicht! Ich liebe sie nicht genug und so eine Ehe zu führen, wäre unfair ihr gegenüber, sowie uns gegenüber, Chrissi! Wir lieben uns und das müssen meine Mutter und Janna verstehen." Er klang nach wie vor zuversichtlich, doch ich wusste nicht, woran es lag. "Als ob deine Mutter einverstanden damit ist, dass du mit einer Minderjährigen zusammen bist. Das ist doch albern!" Ich war schon wütend, weil er so stur war und wirklich dachte, dass alles gut werden würde. "Ich bin 29 Jahre alt! Ich treffe meine eigenen Entscheidungen, und wenn sie ein Problem damit hat, muss sie damit leben und nicht ich, denn ich habe nichts falsch gemacht! Ich bin nur meinem Herzen gefolgt." Chris stellte sich vor mich, beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Wieder hatte ich so ein wohliges Gefühl. Er lehnte seine Stirn an meine und flüsterte: "Ich liebe dich! Das ist das Wichtigste. Naja, und natürlich, dass du mich auch liebst. Hebst du dieselben Gefühle für mich?" Ich musste nicht einmal eine Sekunde nachdenken, sondern sprang einfach auf und küsste ihn. Ich wollte ihn und wenn er an unsere Liebe glauben konnte, konnte ich das auch. Ich hatte Hoffnung und die schien meinen Kuss zu kontrollieren. "Ich liebe dich auch", hauchte ich an seinen Lippen. Er lächelte und lehnte erneut seine Stirn an meine. Er nah meine Hand und führte mich aus meinem Zimmer.
Wir kamen unten an und Tobi stand vor uns am Ende der Treppe. "Alles ok?" Chris und ich nickten und lächelten. "Ich gehe jetzt mit meinem Schatz zu seiner Frau und seiner Mutter und dann werden wir unser kleines Geheimnis lüften. Er gibt mir den Halt das auszuhalten, egal wie schwer es wird. Durch ihn habe ich Hoffnung für uns. Und danke! Danke Tobi, dass du für mich da bist und mich so akzeptierst, wie ich bin. Damit ist vor allem meine Liebe für einen Lehrer gemeint." Tobi lächelte ebenfalls und umarmte mich dann. Es war eine innige Umarmung, die man nur von besonderen Menschen bekommt. Sofort schloss sich das Loch in meinem Herzen ein weiteres Stück und meine Trauer war verschwunden. Chris nahm wieder meine Hand und zusammen verließen wir das Haus. Ich sah mich kurz an und musste feststellen, dass ich in Joggers unterwegs war, aber das war mir egal, denn ich war mit der Liebe meines Lebens zusammen und wir hatten eine Mission!

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