"Hab ich was falsch gemacht?" "Nicht du direkt. Aber ich finde es nicht in Ordnung, wenn wir so nah beieinander sind. Das erinnert mich zu sehr an unsere Beziehung, die ja eigentlich gut lief. Ich will auch, dass unsere Freundschaft funktioniert, aber ich brauche trotzdem Zeit, verstehst du, was ich meine, Tobias?" Er nickte und sah mich etwas enttäuscht an. Ich sah ihn bittend an, damit er verstand, wie wichtig mir das war. Eine Freundschaft nach einer Beziehung war noch nie einfach, aber mit Mühe konnten wir es schaffen. "Vielleicht sollte ich dann langsam mal gehen", sagte er, immer noch ein wenig enttäuscht. "Nein nein. Du kannst doch bleiben, aber ich muss Hausaufgaben machen." Genau nachdem ich den Satz sagte, hörte ich unten Schlüssel klingeln. 'Meine Eltern sind da. Ich bin gespannt, was sie zu meinem Besuch sagen.' Ich schaute Tobi zu, wie er aus meinem Bett kletterte, um meine Eltern zu begrüßen. Er hatte wirklich Manieren, aber anders kannte ich ihn auch nicht. 'Wieder denkst du über eure Beziehung nach! Hör auf, Christina!' Ich ging ihm hinterher und bekam auf der Treppe eine SMS. Ich hatte keine Lust nachzuschauen, also ignorierte ich die Vibration in meiner hinteren Hosentasche und begrüßte meine Mama mit einer Umarmung und bekam von meinem Dad einen Kuss auf die Stirn. "Hallo, Tobias. Dürfte ich fragen, was du hier machst?", fragte mein Papa skeptisch. Er zog dabei eine Augenbraue hoch und man sah ihm an, dass er Tobias am Liebsten durch das Haus gejagt hätte. Tobias sah zu Boden, weil ihm das Ganze natürlich sehr unangenehm war. "Mama, Papa, schaut mal, was ich mit meinen Haaren gemacht habe", warf ich in den Raum und versuchte das Thema zu wechseln. Alle drei, als inklusive Tobi, sahen mich an und lächelten dann. "Wow, Schatz! Deine Haare sehen toll aus. Ist zwar sehr ungewohnt, vor allem weil ich deine blonden Haare wirklich sehr liebe, aber dieses braun steht dir auch echt gut." Mein Vater stimmte meine Mama durch ein Nicken zu. Tobi hingegen wurde rot und stotterte dann: "Oh nein, tut mir leid... Ich... Ich war zu s-sehr mit meinen Problemen... ähm... beschäftigt. Steht dir echt super, Chrissi." Ich lächelte, denn ich wusste wirklich nicht, wie vor allem meine Eltern auf diese Veränderung reagierten, aber sie nahmen es gelassen und es gefiel ihnen auch noch.
"So Tobias. Jetzt beantworte doch bitte meine Frage." Meine hörte meinem Vater die Ungeduld an. "Papa, lass ihn doch! Es geht ihm nicht gut und..." "Achso", unterbrach er mich, "aber ankriechen kann er kommen, wenn es ihm so 'scheiße' geht, oder wie?" Mein Dad wurde immer lauter, aber dann griff meine Mutter ein. "Liebling, beruhige dich. Was ist denn passiert, Tobias?" "Nun ja... Es gab einen Vorfall in der Familie, der mich etwas mitgenommen hat." Er sah mich verloren an, also half ich ein wenig: "Ich hab ihm vorgeschlagen, dass er für eine Weile hier bleiben kann, denn er will erst einmal in nach Hause, was ich auch verstehen kann, bei dem, was passiert ist." Meine Eltern sahen mich fragend und ein wenig sauer an. "Ohne mit uns darüber zu reden? Christina, sowas musst du mit uns ab..." "Meine Adoptivschwester wurde ermordet!", hörte ich plötzlich von rechts schreien. Alles war ruhig und alle Augen waren auf meinen Ex-Freund gerichtet. Er schaute nur zu Boden, aber an seinen zuckenden Schultern konnte man erkennen, dass er wieder weinte. Sofort nahm ich ihn in den Arm und er drückte mich ganz fest an sich. Ich spürte die Blicke meiner Eltern auf uns. Sie starrten uns an, aber das war mir egal. Er brauchte mich! "Tobias, beruhige dich. Komm, wir gehen in die Küche und ich gebe dir was zum Trinken." Er stellte sich normal, aber nicht aufrecht hin und nickte nur stumm. Ich zog ihn in die Küche und gab ihm ein Glas Sprudelwasser. Ich hörte Schritte hinter uns, weshalb ich mich umdrehte und meine Mum in der Tür erblickte. "Tobias, es tut mir leid. Aber was ist denn passiert? Und wie 'ermordet'?" "Julia wurde erschossen nach einer Entführung. Ich wusste davon nichts, erst als meine Eltern ohne sie zurückkamen, haben sie es mir erzählt und obwohl sie nur meine Adoptivschwester war, traf mich ihr Tod." Es herrschte Stille in der Küche.
Nach einigen Minuten gesellte sich auch mein Vater zu uns und auch er entschuldigte sich. Natürlich tat er das jetzt nur aus Mitleid, aber wenigstens ein wenig weich war er. Er verstand Tobi, weil auch er seine Stiefschwester verlor, als er in meinem Alter war. Sie allerdings brachte sich selbst um. So ewas könnte ich mir niemals vorstellen. 'Wie können sich Menschen umbringen? Wie sehr müssen sie leiden, dass sie keinen anderen Ausweg außer den Selbstmord sehen?' Ich muss zugeben, dass auch ich manchmal meine Phasen hatte, wo alles schief ging, aber nie hatte ich an Suizid gedacht. Auch die Trennung von Tobias hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen, aber das Leben geht weiter. Für andere anscheinend nicht, aber das wollte ich nicht begreifen, obwohl ich schon 17 Jahre alt war und einiges mitbekommen hatte.
Tobias trank sein Glas aus und ohne ein Wort zu sagen, verließ er die Küche und schleppte sich die Treppe hoch. Ich hörte nur noch oben die Tür zu knallen und das war der Moment in dem ich sagte: "Toll, Papa! Tobi geht es echt scheiße und du hast nichts besseres zu tun, als ihn fertig zu machen?" "Ich hab mich doch..." "Nein, das war keine Entschuldigung! Das war nur Mitleid. Eine richtige Entschuldigung klingt nicht so, als würdest du es hassen, dass du das sagen musstest. Ich bin enttäuscht von dir, Dad!" Und schon verschwand auch ich die Treppen hoch in meinem Zimmer und gesellte mich zu Tobias, um ihn ein wenig aufzumuntern. Nur wie?