Während ich mit jedem Schritt mutiger wurde, wurde ich gleichzeitig auch nervöser. Ich fragte mich sowieso immer noch, woher dieser Lukas meine Nummer hatte. "Hat er sie von einem Kumpel oder einer Freundin? Aber warum kenne ich ihn denn nicht? Oder kenne ich ihn doch?" All diese Fragen schwirrten in meinem Kopf herum. Das hatte keine sonderlich gute Auswirkung auf meine Nervosität, denn es wurde schlimmer und plötzlich zweifelte ich an mir selbst, wieder einmal.
Endlich saß ich in der S-Bahn und plötzlich vibrierte mein Handy. Ich nahm es aus meiner Hosentasche und sah eine Nachricht von Mama:
"Tut mir leid, dass ich so neugierig war und mich einmischen wollte. Natürlich ist es deine Sache, mit wem du dich triffst, aber bitte komme nicht zu spät nach Hause. Und vergiss nicht, mir dann von ihm und dem Treffen zu erzählen." Ich lächelte bei der Nachricht, denn ich war froh, schon fast erleichtert, dass meine Mama mir mein Abhauen nicht übel nahm.
Knapp 10 Minuten später war ich dann am Hauptbahnhof. Ich stieg mit den ganzen anderen Menschen aus und suchte die richtigen Treppen, damit ich runter zu der Haupttreppe kam. Ich war pünktlich um 15 Uhr bei den Treppen, aber niemand bekanntes stand da. Ich drehte mich ein wenig hin und her und versuchte jemanden zu entdeckten, denn aus irgendeinem Grund glaubte ich daran, dass ich die Person wohl kannte. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und hörte ein zufriedenes 'Hey' von einer männlichen Person. Ich drehte mich schlagartig um und schaute einem süßen Jungen ins Gesicht. Er hatte blonde Haare als Undercut und gut gestylt war er auch noch. Schüchtern sagte ich zurück: "Hey, du bist Lukas?" Er nickte lächelnd und umarmte mich einfach. "So, jetzt kann ich dir auch sagen, von wem ich deine Nummer eigentlich habe", sagte er grinsend. Irgendwie kam mir das Gesicht dann doch etwas bekannt vor. Noch bevor er den Namen nennen konnte, kam es aus mir raus: "Bist du nicht der Bruder von Freund meiner Cousine?" Er riss die Augen auf und sah mich schockiert an. Dabei nickte er vorsichtig und fragte mich: "Ja, aber woher weißt du... Sehe ich so sehr wie mein Bruder aus?" Ich schüttelte den Kopf und stellte richtig: "Nein, aber ich habe dich auf Fotos von ihm gesehen. Man, wäre das peinlich gewesen, wenn ich jetzt falsch gelegen hätte", gab ich erleichtert von mir. Er atmete ebenfalls erleichtert aus und lächelte mich süß an. Und plötzlich war die Nervosität wie weggeblasen. Wir setzten uns anschließend langsam in Bewegung, denn er hatte Lust zum Starbucks zu gehen. Ich natürlich auch, aber wir mussten ein gutes Stück in die Innenstadt rein laufen. Lukas fragte mich ein wenig, also wegen Geschwistern, Schule, ob meine Eltern getrennt oder zusammenleben, und so weiter. Als ich ihn dann fragte, wie es in seiner Familie ist, schaute er etwas geknickt. "Oh, hätte ich nicht fragen sollen?", fragte ich ihn, während ich mich etwas schuldig fühlte. Er schaute mich an und fing dann an zu erzählen: "Naja, also ich habe keine Eltern mehr, nur noch meinen Bruder. Aber ich hätte gedacht, dass du das schon weißt." Ich schüttelte geschockt den Kopf. "Nein, aber was ist passiert?" "Sie sind bei einem Autounfall um's Leben gekommen, als ich etwa 4 Jahre alt war. Mein Bruder war damals auch erst 12, also hat es ihn dann doch ein wenig schlimmer erwischt. Er ist damals auch ziemlich abgerutscht, weswegen ich dann freiwillig zum Jugendamt gegangen bin und erzählt habe, was bei mir daheim los war." Ich hörte ihm gespannt im Laufen zu, aber konnte es einfach nicht glauben. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie es ohne Eltern wäre. "Naja, und dann hab ich etwa 5 Jahre dort gelebt, also bis ich 11 war, denn 2 Jahre hatte ich Angst davor von meinem Bruder getrennt zu werden. Als ich 11 war, war mein Bruder ja schon 19. Er besuchte mich im Kinder-und Jugendheim, weil er von unserer Tante gehört hatte, dass ich dort lebte. Er kam zu mir und entschuldigte sich gefühlte tausend Male und natürlich konnte ich die Vergangenheit nicht vergessen, also wie er mich im Stich gelassen hat, aber ich konnte ihm verzeihen und ging deshalb mit ihm mit. Er hatte eine eigene Wohnung, in der ich mich wohl fühlte." Lukas fing an zu lächeln. Man sah ihm an, dass er froh war, dass ihn damals sein Bruder abgeholt hatte. "Wohnst du immer noch da?", fragte ich neugierig. Er nickte und fügte noch hinzu: "Seit 5 Jahren wohnen wir jetzt in der Wohnung. Natürlich ist jetzt oft seine Freundin..." "Du meinst meine Cousine", unterbrach ich ihn spaßend. "Ja genau, deine Cousine ist oft bei uns, was mir aber nichts ausmacht, denn auch ich bin viel unterwegs. Das ist der Vorteil ohne Eltern: Man kann so gut wie alles machen, was man will." Bei diesem Satz bekamen wir beide einen Lachanfall. "Also hast du es eigentlich verkraftet, dass sie nicht mehr hier sind, oder?" Er nickte und wirkte zufrieden. "So, genug über ernstes geredet, lass uns rein in Starbucks gehen." Ich stimmte zu und zusammen stellten wir uns innen an. Die Schlange war wie immer ewig lang, weswegen wir warten mussten. Lukas hatte zwei freie Plätze drinnen entdeckt. "Chrissi, da sind freie Plätze. Setz dich dort hin und ich bestellte für uns, okey?" "Na gut, warte ich..." "Steckt deinen Geldbeutel wieder ein", befahl er mir schon fast. Ich sah ihn leicht verzweifelt an, aber riss mir die Brieftasche aus der Hand und steckte ihn zurück in meine Handtasche. Ich musste mich damit zufrieden geben und begab mich deshalb schnell auf die freien Plätze. Es standen noch 2 Leute vor ihm, als mir plötzlich einfällt, dass ich ihm noch gar nicht gesagt hatte, was ich zum Trinken wollte. Ich sah, dass er am Handy war, darum schrieb ich ihm schnell eine Nachricht, in der ich Bescheid gab, dass ich einen Caramel Macchiatto wollte. Er musste es gelesen haben, denn er sah zu mir rüber und zeigte mir den Daumen. Ich wartete lächelnd auf ihn und dachte mir dann: "Er ist echt total nett. Und auch noch so offen. Das gefällt mir wirklich an ihm!"
Etwa 5 Minuten später kam er zu unserem Tisch und stellte die Becher ab. "Willst du Zucker oder so dazu?" "Ne, aber einen Strohhalm bitte." Er nickte und flitzte zurück zur Bar, um mir einen Halm und ihm Zucker zu holen. "Wie kann man ein heißen Getränk mit einem Strohhalm trinken?", fragte er mich lachend. Ich steckte nur den Trinkhalm in den Becher und sah ihn gespielt böse an. Dadurch musste er nur noch mehr lachen. "Was trinkst du da?", fragte ich ihn. "Einen Caramel Hot Chocolate", gab er mir als Antwort. Er trank genüsslich aus dem Becher und auch ich wollte anfangen zu trinken, aber ich bemerkte zu spät, dass es noch viel zu heiß war und verbrannte mir deshalb die Zunge. "Aua! Scheiße, man. Das ist zu heiß!", schrie ich durch das Café. Zuerst lachte Lukas mich aus, aber als er merkte, dass es echt weh tat, packte er schnell seine Wasserflasche aus und hielt sie mir vor mein Gesicht. Ich nahm sie dankend an und trank einen Schluck. Das tat echt gut. Ich gab ihm seine Wasserflasche zurück und bedankte mich noch einmal. "Man, wie kannst du das so heiß trinken?", fragte ich ihn enttäuscht. Er lachte nur und bat mir an von seiner heißen Schokolade zu trinken, was ich dann doch dankend ablehnte. "Ne, danke. Ich warte, bis mein Getränk etwas abgekühlt ist." Er zuckte nur mit den Schultern und trank weiter aus dem Becher. Ich sah dabei zu und wollte ihn gerade etwas fragen, als er vor mir anfing: "Findest du es schlimm, dass mir deine Cousine deine Nummer gegeben hat? Oder dieses Treffen?" Ich riss die Augen auf, denn ich hatte vergessen, dass sie ja dafür verantwortlich war, aber ich verspürte keine Wut, sondern er Zufriedenheit. "Nein, ich finde es völlig in Ordnung. Natürlich hätte sie mich fragen können, vor allem weil..." Da fiel mir ein, dass Lukas ja nichts von meiner Beziehung wusste. Woher sollte er auch, nicht einmal meine Cousine wusste etwas davon. Ich stoppte noch den Satz und überlegte, was ich stattdessen hätte sagen können. "Ehm, vor allem, weil meine Eltern etwas spießig sind und das nicht so locker sehen, aber trotzdem. Und das Treffen finde ich bisher auch sehr nett und locker." Er lächelte erleichtert und endlich konnte auch ich einen Schluck von meinem Caramel Macchiatto nehmen. Nach 10 Minuten des Sitzens wollte ich weiterlaufen und fragte meinen Begleiter deshalb, ob wir gehen könnte. Er stimmte zu und zusammen verließen wir das Café wieder.
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