Ich rannte auf ihn zu und er stand auf und breitete seine Arme aus, in die ich mich hinein warf. "Man, wo warst du?", fragte ich ihn. Er schaute mich an und lächelte. "Christina, Tobias? Kommt ihr dann mit rein? Wir haben ja einiges zu besprechen." Wir gaben ihm ein klares "Ja." als Antwort und folgten ihm in das Zimmer. Ich war in den 6 Jahren noch nie in dem Zimmer. Zum Glück. Wir setzten uns auf die für uns gedachten Stühle vor seinem Schreibtisch und der Direktor setzte sich uns gegenüber. "Okey, also Tobias. Du würdest gerne die Versetzung rückgängig machen, hab ich das richtig verstanden?", fragte der Direktor meinen Freund. "Genau! Es war ein Fehler diese Versetzung zu beanspruchen. Ist es denn möglich, Herr Direktor?" Tobias sah mich mit einem hoffenden Blick an. Ich wollte aber nichts sagen, aus Angst, dass ich was falsches sagen würde oder dass es vielleicht sogar völlig unangebracht gewesen wäre. Darum hielt ich einfach meinen Mund und lächelte Tobi an. Der Direktor lehnte sich auf seinem Chefsessel zurück und verschränkte seine Arme vor seiner Brust. Er überlegte eine Weile und ich versuchte ihn mit einem erwartungsvollen Blick anzuschauen, aber ohne, dass er sich davon belästigt oder sonst was fühlte. "Tobias, ich müsste das eigentlich noch mit deiner Mutter besprechen. Schließlich bist du erst 17 und darum noch nicht volljährig." Tobias nickte nur und man sah ihm an, dass er nervös war. Der Direktor bewegte sich kein Stück, sondern saß die ganze Zeit mit verschränkten Armen da. "Wollen Sie denn nicht anrufen?", fragte ich ihn plötzlich ohne es zu wollen. Er sah mich fragend an. "Das kann ich nicht sofort tun. Ich mache das im Laufe des Tages und dann gebe ich dir morgen Bescheid, okey Tobias?" Tobias nickte und schaute auf den Boden. "Leider kannst du auch heute nicht in den Unterricht, was sich ziemlich schlecht darauf auswirken wird, wie deine Noten sein werden, falls du wirklich hierher zurück kannst. Tut mir leid, aber so sind die Regeln." Tobias stand auf und reichte dem Schuldirektor die Hand. Er nahm sie lächelnd an und fragte noch: "Ist deine Mutter den ganzen Tag daheim?" "Ja, ist sie. Rufen Sie an, wann Sie wollen", antwortete Tobi. Auch ich gab dem Direktor noch die Hand und schon verschwanden wir wieder. Gerade als wir aus der Tür raus gingen, gongte es zum Stundenende. Ich hatte keine Lust auf die 2. Stunde. Ich hatte Chemie, und obwohl ich in dem Jahr ausnahmsweise mal gut darin war, hasste ich es nach wie vor. Tobias begleitete mich noch Hand in Hand zu meinem Klassenzimmer, als mir einfiel, dass ich ja meine Tasche noch in dem anderen Zimmer hatte. Gerade wollte ich die Treppen hoch rennen zusammen mit Tobias, kam uns Herr Hint entgegen und er trug meine Handtasche in einer Hand. Ich sah ihn schockiert an, während er mich anlächelte. Auch ich versuchte zu lächeln, aber mir war diese Situation dann doch etwas peinlich. "Ach, da bist du ja. Hier, deine Tasche." Ich nahm die Tasche entgegen und sagte: "Ehm, dankeschön. Warum haben Sophia und Tamara sie denn nicht mitgenommen?", fragte ich noch. "Weiß ich nicht. Sie haben mir zwar gesagt, dass du wahrscheinlich nicht mehr zum Unterricht kommen wirst, aber sie haben nicht daran gedacht", antwortete er freundlich und lächelnd. Ich nickte und sagte noch einmal: "Danke nochmal, Herr Hint", und verschwand dann mit Tobi an der Hand. Wir liefen zum Chemiezimmer, wo die anderen noch auf unsere Lehrerin warteten. Ich verabschiedete mich von Tobias mit einem Kuss und sah ihm noch hinterher, wie er zurück zum Ausgang lief. Alleine. Ohne mich. Er tat mir so leid, weil er nicht in den Unterricht durfte und das nur, weil er die Schule wechseln wollte, und das auch noch meinetwegen. "Ich bin daran schuld. Es tut mir so leid Tobi", hörte ich es in meinem Kopf. Ich drehte mich wieder zu den anderen um und sah, wie sie gerade in das Zimmer rein liefen. Ich rannte ihnen noch schnell hinterher und lief zu meinem Platz neben Sophia.
Die Stunde verging zum Glück ziemlich schnell und dann war endlich Pause. Ich unterhielt mich mit Franzi und erzählte ihr von Tobias und mir und wie es beim Direktor lief und sagte ihr auch: "Ich bin daran Schuld, dass er zurzeit nicht in den Unterricht darf. Das ist total schlecht für seine Bewertungen, wenn er ständig fehlt. Ich mach mir total die Gedanken, Franzi!" Sie nahm mich in den Arme und sagte: "Beruhige dich, Süße. Du bist doch nicht Schuld! Er hat sich in dich verliebt, dafür kann man doch nichts. Hör auf, dir das einzureden." Ich dreckte mich aus der Umarmung und nickte sie lächelnd an.
Dann war auch die Pause rum und ich musste noch insgesamt 6 Unterrichtsstunden überleben. Die ersten 4 vergingen relativ schnell. In der Mittagspause ging ich mit Franzi, Sophia, Tamara und Julia etwas essen und schon wieder war Julia total still. "Julia, erzähl doch mal etwas. Woher kommst du eigentlich? Und wir wissen gar nicht, wie du mit vollen Namen heißt. Also rede mit uns", sagte ich lachend zu ihr. Sie sah mich mit einem unsicheren Lächeln an und sagte: "Ich heiße Julia Lieb und..." "Lieb? Ist dein Nachname wirklich Lieb?", fragte ich sie ungläubig. Sie nickte und sah mich erschrocken an. "Oh ehm, okey. Rede weiter." "Okey, also ich bin aus Würzburg hierher gezogen, weil ich in eine Pflegefamilie musste. Und diese Familie sind Freunde von meiner aus Würzburg gewesen." Wir alle nickten immer wieder und hörten ihr gespannt. Naja, alle außer ich. "Also das heißt, dass du eigentlich gar nicht Lieb heißt oder wie?" Sie schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, geboren bin ich mit dem Namen Novella. Aber hier musste ich den neuen Namen annehmen." Ich nickte und atmete erleichtert laut aus. "Was ist denn los, Chrissi? Du wirktest so erschrocken", merkte Tamara an. "Naja, ich kenne jemanden, der heißt auch Lieb mit Familiennamen. Wahrscheinlich hab ich..." "Du hast recht. Also, ich glaube zu wissen, wen du meinst. Meinen Pflegebruder Tobias, stimmt's?", fragte Julia. Ich riss die Augen auf und sah sie mit festem Blick an. Ich nickte dabei und schon musste ich an meinen Freund denken, der mir immer noch total leid tat. "Also, ist er dein Pflegebruder? Aber warum erzählt er mir das nicht?" Julia zuckte nur mit den Schultern und sagte dann: "Also bist du die Freundin, von der er so schwärmt?" Ich musste bei den Worten anfangen zu grinsen. "Warte, seit wann lebst du jetzt bei seiner Familie?" Sie dachte ganz kurz nach und antwortete: "Seit diesem Sonntag. Aber hat er wirklich nichts gesagt?" Plötzlich fiel mir sein Telefonat mit seiner Mutter am Sonntag wieder ein. "Dann ist er deswegen so aufgebracht gewesen", sagte ich leise zu mir selbst. "Was?", fragte Julia nach. Ich schüttelte nur den Kopf und bat, dass wir weiter zur Schule laufen.
In der Schule angekommen, mussten wir in unser P-Seminar und da wurde ich dann von allen getrennt. Ich lief zu meinem Klassenzimmer und unterhielt mich ein wenig mit den anderen aus meinem Kurs und dann kam die Lehrerin. Wir brachten schnell den 'Unterricht' hinter uns und dann konnte ich endlich nach Hause. Ich rannte runter zum Bus und setzte mich wie immer ganz nach hinten. Da steckte ich dann meine Kopfhörer in die Ohren und hörte ganz laut meine Playlist, so wie jeden Tag. Ich dachte noch über Julia und Tobi nach, denn das wollte einfach nicht in meinen Kopf rein. "Was, wenn sie etwas von ihm will in Wirklichkeit?", fragte ich mich. Ich wollte gar nicht erst daran denken und deshalb drehte ich meine Musik noch lauter, um alle Gedanken über Julia und Tobias zu verdrängen.
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