Wir liefen ein wenig durch die Stadt und unterhielten uns über Gott und die Welt. Ich war echt froh, dass wir immer etwas hatten, worüber wir reden konnten, denn mir passierte es ziemlich schnell, dass mir die Themen ausgingen und dann gab es nun einmal diese schreckliche Stille. "Liest du eigentlich gerne?", wurde ich von Lukas gefragt. "Ja, aber ich lese nicht alles. Das Buch muss mich auf den ersten 10 Seiten fesseln, sonst schmeiße ich es in die nächste Ecke", gab ich ihm als Antwort und wir fingen an zu lachen. Ich stellte ihm die Frage ebenfalls und auch er bejahte sie, aber es gab den Unterschied, dass er so gut wie alles las, abgesehen von Biografien oder so etwas. "Ja, solche Bücher finde ich meist auch langweilig, es sei denn es ist eine über eine Person, die ich sehr mag und über die ich wirklich alles wissen will. Kommt aber eigentlich nie vor" und wieder mussten wir lachen. Wir merkten schon, dass uns die Leute, die ebenfalls durch die Stadt liefen, dumm anschauten, aber wir machten uns nichts draus und lachten ungestört weiter. Das fiel mir eine Frage ein, die ich ihm zum dem Zeitpunkt noch gar nicht gestellt hatte: "Sag mal, Lukas. Hat meine Cousine dir einfach so meine Nummer gegeben oder wie war das?" Er hörte ebenfalls auf zu lachen und schaute verlegen auf den Boden. Er gab zunächst keine Antwort, sondern so wie es aussah war ihm etwas sehr peinlich und deshalb blieb ich stehen und hielt ihn am Arm fest. "Lukas? Hast du nach meiner Nummer gefragt?" Ich schaute nicht aus, sondern nickte einfach und starrte die Straße weiterhin an. Ich atmete laut aus, aber nicht weil ich das doof fand, sondern weil es ihm so peinlich war, was es nicht hätte sein müssen. "Lukas, du bist echt süß! Glaubst du etwa, ich würde dich jetzt schlagen oder was? Es macht mir nichts aus, es freut mich eher, wenn ich von jemanden gemocht werde." Endlich schaute er mich an und grinste dabei. Das Grinsen sah ziemlich gruselig aus, weswegen ich wieder anfangen musste zu lachen.
Wir setzten uns nach diesem ersten Gespräch wieder in Bewegung und liefen weiter durch die Gassen. Wir wussten nicht, wo wir hin sollten, denn auf shoppen hatte ich keine Lust und mein Begleiter zum Glück auch nicht. Darum machte ich den Vorschlag, dass wir wieder zum Bahnhof laufen und uns dort irgendwo hinsetzen. Er stimmte wieder einmal sofort zu und dann machten wir uns auf dem Weg. Und da war sie plötzlich wieder: diese furchbare Stille. Ich hatte keine Ahnung, über was ich noch mit ihm reden sollten, darum war ich umso froher, als er ein Thema öffnete: "Hast du meinen Bruder so eigentlich schon kennengelernt?" "Ja, habe ich", antwortete ich. "Ich finde ihn auch echt nett, nur stört es mich ein wenig, wie er manchmal mit meiner Cousine redet." Lukas schaute mich zunächst verwirrt an, aber dann verstand er, was ich meinte. "Du meinst, weil er sich ziemlich schnell aufregt und so? Und dann auch oft etwas laut wird, wenn ihm etwas nicht passt?" Ich nickte und legte einen besorgten Blick auf. "Du musst dir keine Gedanken machen", versuchte er mich aufzumuntern, "er wird eigentlich nie handgreiflich. Die beiden sind ja schon eine Weile zusammen und er hat sie bestimmt noch nie geschlagen oder so etwas. Er ist leider nun einmal schon immer so gewesen. Eigentlich ist er ein ruhiger Kerl, aber wenn ihm etwas nicht passt, sagt er das laut und deutlich. Nimm ihm das bitte nicht übel." "Bist du denn auch so einer dann, wenn es dein Bruder ist?", fragte ich ihn vorsichtig, wodurch ich zum Ausdruck brachte, dass ich deswegen wiederum besorgt war. Er schüttelte heftig den Kopf und lächelte mich zaghaft an. "Nein, er hat das von unserem Vater, ich gehe mehr nach unserer Mutter, die immer sehr ruhig war, aber sich dadurch auch leider nie richtig durchsetzen konnte." Ich nickte nach der Antwort und spürte wie mir Millionen Steine vom Herzen fielen.
Nach 15 Minuten laufen kamen wir wieder am Bahnhof an und dann machte mir Lukas einen Vorschlag: "Wenn du Lust hast, können wir zu mir fahren. Ich wohne nicht weit vom Busbahnhof entfernt." Ich freute mich über den Vorschlag, aber hoffte, dass wir nicht komplett allein sein würden. Wir gingen runter zur U-Bahn und fuhren Richtung Busbahnhof Röthenbach. Wir unterhielten uns noch ein wenig über unsere zuvor angesprochenen Lese-Angewohnheiten und über die Bücher, die wir zuletzt gelesen hatten. Ich erzählte natürlich von 'Die Bestimmung' und er über irgendwelche Krimis, deren Titel ich irgendwie nicht mitbekommen hatte. Das geschah nur, weil ich mich für einen Moment in seinen Augen verloren hatte. Ich hatte am Anfang des Treffens nicht so genau hingeschaut, aber seine Augen waren tiefblau und man konnte sich darin nur verlieren, so wie es mir passiert war. "Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?", fragte Lukas, während er mich an der Schultern anstupste. Ich wachte aus meinem Tagtraum auf und entschuldigte mich erst einmal. "Sorry, was hast du gesagt?" "Was ist denn los? Worüber hast du so intensiv nachgedacht?", fragte er mich besorgt. Er schüttelte nur abwegig den Kopf und bat ihn drum, dass er seinen Satz wiederholte, was er dann glücklicherweise auch sofort tat. Dieses Mal hörte ich ihm dann zu und hörte dann auch den Titel: 'Young Sherlock Holmes'. Ich kannte diese Buchreihe, denn ich fand Sherlock Holmes auch echt toll und war deswegen auch etwas aus dem Häuschen, denn keiner aus meinem Freundeskreis interessierte sich dafür.
Die Zeit verging in der U-Bahn ziemlich schnell, weswegen mir die 20 Minuten Fahrt viel kürzer vorkamen. Wir stiegen mir allen anderen Passagieren aus und ging hoch zum Busbahnhof. "Wie weit müssen wir laufen?", fragte ich neugierig, denn ich wusste ja schließlich nicht, wo er genau wohnte. "Nicht einmal 5 Minuten. Wir müssen hier lang", sagte er und zeigte in eine kleine Straße, in der einige Einfamilienhäuser standen, aber ich wusste, dass keines der Häuser sein Zuhause war, denn seinem Bruder gehörte ja eine Wohnung. Auf dem Weg zu seinem Heim bemerkte ich, dass er mir manchmal ziemlich nah kam, woraufhin ich immer etwas zur Seite rutschte. "Soll ich ihm sagen, dass ich einen Freund habe? Schließlich rückt er mir schon ziemlich auf die Pelle", dachte ich leise. Ich entschloss mich dagegen und lief Lukas einfach weiter hinterher. Er packte seine Hausschlüssel raus, als wir vor dem Eingang eines 4-stöckigen Hauses standen. Es sah relativ neu aus, also musste es renoviert worden sein vor kurzer Zeit. Wir betraten das Gebäude und liefen in den 2. Stock hinauf. Er sperrte uns die Tür auf und ich hörte glücklicherweise Stimmen in der Wohnung, die aus einem Fernseher kamen, was bedeutete, dass sein Bruder Zuhause war. Ich spürte die Erleichterung und zog dann zufrieden meine Chucks auf dem Flur aus. Lukas schrie währenddessen ein lautes 'Hallo' durch die Wohnung, aber es kam keine Antwort zurück, weswegen ich doch wieder nervös wurde. Wir gingen ins Wohnzimmer und dort lief zwar der Fernseher, aber keine Menschenseele befand sich im Raum. "Na toll, wieder einmal lässt mein toller Bruder den Fernseher an. Man, wann lernt er endlich, dass das auch Geld kostet?", regte sich Lukas auf. In dem Moment fragte mich, ob er gerade merkte, dass er wie eine Mutter klang. Ich kicherte leise vor mich hin, wodurch er sich zu mir umdrehte. "Was ist so lustig? Mein Bruder hat nicht so viel Geld und verbraucht den Strom dann auch noch so unnötig", gab er sehr gereizt von sich, doch ich konnte mich nicht zusammenreißen. "Lukas, du klingst gerade wirklich wie eine Mutter. Nein, besser noch, so wie meine Mutter." Nach diesem Satz lockerten sich seine zuvor angespannten Gesichtsmuskeln und die Falten verschwanden von seiner Stirn. Er fing dann an zu lachen, wodurch er mir das Zeichen gab, dass auch ich loslegen konnte. Unser Gelächter hielt etwa 5 Minuten und mein Bauch tat schon ziemlich weh, weswegen ich immer wieder versuchte aufzuhören, aber Lukas hörte einfach nicht auf und zog mich in den Bann. Irgendwann hatten wir uns endlich beruhigt und dann zeigte er mir noch sein Zimmer, wo wir es uns dann anschließend auf seinem Bett bequem machten.
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