Da saß ich nun im Bus, neben einem Lehrer. Neben dem Lehrer, bei dem mir aus irgendeinem Grund alles total peinlich war. Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass mich seine Anwesenheit irgendwie nervös machte. "Geht es dir immer noch so schlecht?", fragte mich Herr Hint aus heiterem Himmel. Ich schüttelte nur den Kopf, weil ich kein Wort heraus brachte. "Wo musst du denn aussteigen?" Wieder konnte ich nichts sagen, darum herrschte diese schreckliche Stille zwischen uns. "Willst du nicht mit mir reden? Soll ich doch weggehen?", fragte er noch einmal. Ich versuchte etwas zu sagen, aber es kamen einfach keine Töne aus mir raus. Herr Hint stand deshalb auf und wollte sich umsetzen, aber ich hielt ihn einfach am Arm fest und sah ihn mit einem flehenden Blick an. "Christina, was ist denn los? Ich soll nicht neben dir sitzen bleiben, aber mich auch nicht umsetzen? Rede mit mir", bat er mich und sah mich mit dem gleichen Blick an, wie ich es tat. Ich zog ihn am Arm zurück auf den Sitz und flüsterte leise und leicht beschämt: "Ich möchte nicht, dass sie sich umsetzen. Es ist nur wirklich sehr komisch privat mit einem Lehrer zu reden. Finden Sie es nicht komisch mit einer Schülerin zu reden?" Ich ließ seinen Arm wieder los und wartete auf eine Antwort, aber anscheinend hatte er keine parat. Ich setzte mich wieder normal hin und schaute aus dem Fenster.
Man sah, wie sich draußen dunkle Wolken auftürmten und auch der Regen ließ nicht lange auf sich warten. Es schüttete wie aus Eimern, was mir immer wieder Angst machte. Ich hasste Stürme und Gewitter, aber das war immer wieder aufs Neue peinlich, wenn ich bei einem Donner zusammenzuckte. Ich versuchte mich abzulenken und zum Glück unterhielt sich dann der Lehrer wieder mit mir. "Hör mal, ich finde es nicht so schlimm mit einer Schülerin privat zu reden. Und ich würde mir von dir wünschen, dass du mich privat nicht als Lehrer siehst. Deshalb, bitte nenne mich außerhalb der Schule Christopher." Ich riss nach diesem Satz die Augen auf und ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren wollte. Plötzlich donnerte es ganz laut und erschrak stark, was sich durch mein Schreien und Zucken zeigte. Herr Hint sah mich besorgt an, was mir nicht gefiel, denn dieser Blick ließ mich erneut nervöser werden. "Sie haben mich doch gefragt, wann..." "Können wir uns nicht duzen?", fragte er mich mit einem hoffnungsvollen Blick. "Ok. Also, Chris... Christopher. Wegen dem Aussteigen, ich muss bei der vorletzten Haltestelle aussteigen. Und du?" Es fiel mir hörbar schwer seinen Vornamen auszusprechen und ihn mit 'du' anzusprechen. Er lächelte leicht, als er meine Schwierigkeit bemerkte nickte einfach. "Da muss ich auch aussteigen. Ich muss mich dann aber ziemlich beeilen, denn meine Frau wartet auf mich Zuhause." Erst nachdem er diesen Satz aussprach, bemerkte ich den Ehering an seiner linken Hand. Irgendwie wurde mir bei dem Anblick ganz anders und darum nickte ich einfach nur und drehte mich wieder Richtung Fenster.
Die nächsten 5 Minuten herrschte wieder völlige Stille zwischen Christopher und mir, was mir aber nicht sonderlich viel ausmachte. Dann kam endlich die Durchsage, dass die nächste meine Haltestelle war und darum machte ich Anzeichen, dass ich aufstehen wollte und schmiss meine Tasche auf meine Schulter. Christopher stand auf und lief zur hintersten Tür. Ich ging ihm hinterher und wartete, dass der Bus endlich stehen bleiben würde. Währenddessen suchte ich nach meinem Schirm und noch bevor ich ihn finden konnte, sagte Christopher zu mir: "Falls du nach einem Schirm suchst, kannst du es gleich lassen. Bei dem Wind nützt er dir gar nichts." "Und wie soll ich Ihrer Meinung nach nach Hause laufen? Ich hab nicht mal eine Kapuze an meiner Jeansjacke", meckerte ich ihn gereizt an. Er schreckte leicht zurück und endlich hielt der Bus. "Tschüss, Christina. Bis morgen!", rief er mir noch zu während er über die Straße lief, die ich ebenfalls überqueren musste. Ich ließ mir aber Zeit, um meinen Weg nicht mit ihm teilen zu müssen.
Nach etwa weiteren 5 Minuten war ich endlich daheim und ich schmiss einfach meine Tasche in die Ecke unserer Garderobe, um dann ins Badezimmer zu gehen und mir ein Handtuch zu schnappen, mit dem ich meine Haare trocknen konnte. Niemand schien Zuhause zu sein, also nahm ich meine Tasche, kramte mein Handy raus und ging ins Wohnzimmer, wo ich mich auf die Couch schmiss. Ich sah einige ungelesene Nachrichten, auf die ich nach der Reihe antwortete. Auch meine beiden Elternteile schrieben mir eine Nachricht, in der sie mich fragten, ob sie nach Hause kommen sollten, um sich um mich zu kümmern. Ich lehnte dankend ab und machte danach Musik auf meinen iPhone an. Ich schloss für kurze Zeit meine Augen und bemerkte dann, dass ich eingeschlafen sein musste, denn ich träumte von der Busfahrt und sie hätte verlaufen können, wenn ich nicht so Angst davor gehabt hätte, mit Herr Hint zu reden.