Alle stürmten wieder zur Tür raus, in die nächste Stunde. Die Stunde verging total schnell, denn plötzlich gongte es schon zur Pause, aber ich hatte den ganzen Unterricht über nicht aufgepasst. Ich dachte mal wieder über Gott und die Welt nach. Also genauer gesagt dachte ich an Tobi und auch an Herr Hint. Ich fand es echt toll, dass er mir so zugehört hat, aber er ja eigentlich nicht mein Vertrauenslehrer oder der Schulpsychologe. Deshalb war mir das doch etwas unangenehm ihm mein Herz ausgeschüttet zu haben.
Ich ging zusammen mit Tami und Sophia runter in die Pause, als unser Schuldirektor mit einem Mädchen an uns vorbei lief. Sie schien in unserem Alter zu sein, aber sah ziemlich zurückhaltend aus. Wir drei schauten ihr noch hinterher, wie sie sie mit dem Direktor die Treppen hoch lief. "Glaubt ihr, dass sie neu ist?", fragte ich Tami und Sophia. Beide zuckten mit den Schultern und ich sah Franzi hinter den beiden in unsere Richtung laufen. Eigentlich wollte ich nicht mit ihr reden, aber Herr Hint hat mir dazu geraten und deshalb wollte ich seinen Rat befolgen und lief ihr etwas entgegen. Man sah ihr im Gesicht an, dass es ihr leid tat, aber ich wollte sie dann doch etwas zappeln lassen, um zu sehen, was ich ihr als 'beste Freundin' bedeutete. "Christina, es tut mir echt leid. Ich wollte es dir sagen, aber..." "Aber was? Franziska, als beste Freundin solltest du mir das sagen, auch wenn ich sauer geworden wäre. Darauf, dass Tobias es mir von selbst sagt, kann ich lange warten! Franzi, wir haben keine Geheimnisse haben wir ausgemacht, oder nicht?" Sie nickte nur und schaute dabei zu Boden. "Schau mich bitte an!", bat ich sie. Sie hob langsam den Kopf und schaute mich mit feuchten Augen an. "Chrissi, bitte. Ich ertrage es nicht, wenn wir streiten! Das ist das Schlimmste für mich. Bitte verzeih mir." Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust und sah sie fest an. Ich wollte es ihr nicht so leicht machen. Schließlich hab ich nie etwas vor ihr verheimlicht. "Chrissi, ich verspreche, dass es nie wieder vorkommt!", sagte sie halb am heulen. Zu dem Zeitpunkt tat sie mir echt leicht, und darum lockerte ich meinen Blick und meine Arme und sah sie ebenfalls traurig und berührt an. "Franzi, kann du dieses Versprechen sicher halten? Schließlich konntest du es zunächst nicht halten. Kannst du..." "Ja, das kann ich! Wenn dadurch unsere Freundschaft gerettet wird", sagte sie fest entschlossen zu mir und sah mich mit einem ebenso entschlossenen Blick an. Ich wollte ihr wirklich glauben, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es einfach nicht ging. Trotzdem lächelte ich sie vorsichtig an und zog sie einfach in meine Arme. Sie fing an zu weinen, aber sie war nicht traurig, sondern glücklich. "Jetzt hör auf zu weinen. Mein Oberteil wird sonst dreckig von deinem Make-Up", sagte ich lachend. Sie zog sich aus der Umarmung und wischte sich die Tränen weg. Ihre Augen sahen wie die Augen von Pandas aus. Ich musste anfangen zu lachen und reichte ihr meinen kleinen Taschenspiegel. Sie erschrak bei ihrem Anblick und versuchte das zu retten, was zu retten war. Plötzlich wurde ich von hinten angerempelt und ich fiel fast zu Boden. "Ey, kannst du nicht aufpassen, du... Warte Tobi?" Tobias stand hinter mir, der total übermüdet schien. "Oh Gott, was ist denn los mit dir? Wo warst du die ersten beiden Stunden? Ich hab dich vermisst. Und angerufen hast du gestern..." "Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass ich von dieser Schule gehe. Ich muss zum Direktor, kommst du mit?" Ich sah ihn schockiert an. Dieser Satz flog zu schnell an mir vorbei. "Warte, kannst du das wiederholen?" "Kommst du mit?", fragte er nochmal. "Nein, ich meinte das davor." "Ach so, ja, ich muss die Schule verlassen. Den Grund kann ich dir nicht nennen. Oder jedenfalls nicht jetzt." Ich wurde plötzlich wieder wütend und spürte wie sich immer mehr Wut in meinem Bauch anstaute. "Du bist doch so ein Idiot! Du hast mich gestern schon nicht angerufen, um zu sagen, was los war am Telefon und warum du plötzlich so schnell weg warst. Und jetzt willst du mir noch mehr verheimlich? Tobias, warum tust du mir das an? Ich mach mir doch nur Sorgen!", sagte ich mit Tränen in den Augen. Ich merkte schon, wie mich einige Schüler anstarrten, weil ich das anscheinend zu laut schrie. Auch Tobias sah traurig aus. "Ich hab dich kennengelernt und das war gut. Aber jetzt müssen wir das wieder lassen. Sei mir nicht böse, aber ich geh dann jetzt." "Der Direktor ist eh nicht in seinem Zimmer, sondern oben mit irgendeiner neuen Schülerin wahrscheinlich", sagte ich ihm den Rücken zugedreht. Er seufzte laut. Ich spürte zwei Hände an meinen Schultern, die mich versuchten umzudrehen. "Lass mich!", schrie ich und schüttelte mich, damit er seine Hände weg nahm. Er versuchte es erneut und dieses Mal drehte ich mich zu ihm um. Er nahm plötzlich mein Gesicht in seine Hände und küsste mich einfach. Ich küsste ihn zurück. Schon nach kurzer Zeit zog er sein Gesicht weg und schaute mir in die Augen. "Das ist der Grund", flüsterte er in mein Ohr. Noch bevor ich etwas entgegnen konnte, ließ er mich los und lief schnell in Richtung Direktorat. Ich schaute ihm noch hinterher und ließ dann meinen Blick einmal um mich herum schweifen. Meine Freundinnen lächelten mich alle an, aber alle anderen Mädchen schauten mich mit wütenden und eifersüchtigen Gesichtern an. Ich merkte wie die Röte in mir aufstieg und rannte schnell in Richtung Hauptausgang nach draußen, wo es regnete. Ich stellte mich mitten auf den Schulhof in den Regen. Ich brauchte eine kleine Abkühlung, bis mir zu kalt wurde und ich dann wieder rein ging. Genau in dem Moment klingelte die Schulglocke, was hieß, dass die nächste Stunde anfing.
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