Sonntag, Oktober 26, 2014

Kapitel #13

Die nächsten beiden Stunden gingen sehr langsam vorbei. Ich hatte nicht einmal Lust irgendetwas zum Unterricht beizutragen. Ich starrte lieber einfach aus dem Fenster runter auf die Straße, wo Menschen mit ihren Hunden Gassi gehen, mit dem Fahrrad fahren oder einfach sinnlos rumliefen. "Ach, wäre es schön jetzt da draußen zu sein und nicht hier zu sitzen. So unproduktiv wie ich eh schon bin, kann ich auch Zuhause sein", dachte ich mir, als es plötzlich an der Tür klopfte. Die Tür ging auf und gerade gongte es zur 4.Stunde. Die Tür öffnete sich komplett und es kam das Mädchen aus der Pause rein. "Hallo. Ich bin die Neue an der Schule," sagte sie sehr selbstsicher. Ich hatte sie eher schüchtern in Erinnerung, aber anscheinend war das nur eine Fassade. Unsere Geschichtslehrerin bat das Mädchen rein und fragte sie nach ihrem Namen. "Julia heiße ich." Die Lehrerin nickte und fügte hinzu: "Leider ist nur noch ganz hinten ein Platz frei. Setzt du dich bitte da hin?" Julia nickte und lief an den Tischen vorbei ganz nach hinten. Das war der letzte Platz, also hatte Tobias keinen Platz mehr. "Ehm, das geht aber nicht! Wo soll denn dann Tobias sitzen?", fragte ich entsetzt. Die Lehrerin schaute mich an und antwortete: "Tobias geht von der Schule. Hat man euch das denn nicht gesagt?" Alle sahen sich an und flüsterten mit dem Banknachbar. "Okey, dann machen wir mal weiter mit dem Unterricht. Ach ja, ich würde dich darum bitten, dass du Julia ein wenig durch die Schule begleitest, bis sie sich hier eingelebt hat, Christina", sagte sie sie auffordernd mit einem Lächeln. Ich nickte nur und sah hinter zu Julia, die mich nett anlächelte. 
Auch diese Stunde verging langsam, aber dann war sie doch endlich vorbei. Ich wollte gerade raus rennen, als ich von hinten meinen Namen rufen hörte. "Christina! Warte!." Ich blieb stehen und wartete auf Julia. "Du musst mir nicht helfen! Ich finde mich auch allein zurecht. Bis dann", sagte sie mit einem zu stolzen Tonfall. Sie schob sich an mir vorbei und ich schaute ihr nur überrumpelt hinterher. Ich ging dann auch langsam die Treppen runter. Ich hatte zum Glück nach der 4.Stunde Schulschluss. Ich lief runter zur Bushaltestelle über den Schulhof und wartete auf meinen Bus, der wie immer 5 Minuten zu spät kam. Ich stieg in den Bus ein, setzte mich ganz hinten hin - obwohl ich überall hätte sitzen können, weil der Bus um die Uhrzeit komplett leer war -, nahm mein Handy raus und steckte meine Kopfhörer an. Während die Musik in meinem Ohren dröhnte, dachte ich über Tobias nach. Dann fiel mir auch der Kuss wieder ein. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass er mich küsst, aber es war ein schönes Gefühl. Nur wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, ob ich auch etwas für ihn empfand. Sowieso wusste ich zu dem Zeitpunkt auch nicht, wie das hätte klappen sollen mit uns, wenn er sich zuvor noch bei mir verabschiedete und danach einfach verschwand, ohne mich anzuhören. Ich spürte, wie die Wut in mir heranwuchs und machte deshalb meine Musik lauter, um meine Gedanken und meine Gefühle zu unterdrücken.
Nach 10 Minuten Busfahrt musste ich dann aussteigen und lief zu meinem Haus. Mein Vater war gerade in der Garage und machte etwas am Auto. "Hallo, Papa. Was machst du da?", fragte ich ihn neugierig. Ich drehte sich zu mir um und lächelte. "Hallo, Kleines. Wie war's in der Schule? Alles gut?" Ich nickte und lief an ihm vorbei in den Vorgarten zum Haus. Ich wühlte in meiner Tasche nach meinem Hausschlüssel, aber meine Mama musste mich von innen gesehen haben, denn sie öffnete plötzlich die Haustür. Ich begrüßte sie mit einer Umarmung und lief Richtung Treppe, um hoch in mein Zimmer zu gehen. Ich warf meine Schultasche vor meinen Schrank auf den Boden und schmiss mich, wie immer auf mein Bett. "Ich liebe dich, mein Bett! Ich werde dich nie wieder verlassen", sagte ich müde, aber glücklich. Ich schloss für einen Moment die Augen, als meine Zimmertür aufging und meine Mama rein kam. "Süße, es gibt essen. Kommst du runter?", fragte sie mich. Ich gab nur ein "Mhm" von mir und drückte mich mit meinen Händen vom Bett ab. Ich stand auf, band meine Haare zu einem Zopf fest und wusch mir die Hände. Unten angekommen setzte ich mich an den Familientisch und nahm mir etwas von der Nudelsuppe. Ich hatte einen ziemlich großen Hunger, schließlich hatte ich in der Pause keine Zeit etwas zu essen. Ich beeilte mich ziemlich, denn als ich mit dem Essen fertig war, waren meine Eltern gerade einmal bei der Hälfte ihres Tellers. Ich stellte meinen Teller auf die Küchenarbeitsplatte und bedankte mich nach für das Essen, wie ich es von meinen Eltern gelernt hatte. Ich lief wieder hoch, putzte mir die Zähne, ging in mein Zimmer und schlug die Tür zu. Ich steckte mir wieder die Kopfhörer in die Ohren und hörte meine Spotify-Playlist durch. Irgendwann fiel mir ein, dass ich ja noch Hausaufgaben auf hatte, nur wusste ich nicht, was genau. Deshalb fragte ich Tamara über Whatsapp und wartete auf eine Antwort. Nach 15 Minuten hatte sie mir immer noch nicht geantwortet, deshalb schrieb ich Sophia auch an und von ihr bekam ich dann die Aufgaben gesagt. Ich nahm meinen Ordner und mein Mäppchen und setzte mich auf mein Bett. Ich versuchte alles so schnell wie möglich hinter mir zu kriegen und gerade als ich den letzten Satz schreiben wollte, klingelte mein Handy. Ich sah auf den Display, aber ich kannte die Nummer nicht, die aufblinkte. Ich nahm einfach an und fragte: "Hallo?" "Hallo, Christina. Ich bin's", sagte eine mir vertraute Stimme. "Tobias? Hast du eine neue Nummer?" "Ja, habe ich, aber deshalb rufe ich nicht an. Ich würde mich gerne heute nochmal mit dir Treffen, wenn es dir nichts ausmacht. Ich muss noch etwas mit dir bereden, wo ich ungern möchte, dass jemand anderes als du zuhört." Es war kurz still, aber dann antwortete ich: "Ja okey. Ist es denn etwas schlimmes?", fragte ich noch vorsichtig." "Ne, aber es ist wichtig. Ich klingel um 16 Uhr an deinem Haus und dann kommst du einfach runter, damit wir in den Wald rein laufen können, okey?" Ich nickte, als mir auffiel, dass er mich ja nicht sehen konnte. "Ehm, okey. Bis dann, muss auflegen und weiter Hausaufgaben machen." "Na dann will ich dich nicht weiter aufhalten." Er legte einfach auf, ohne einen Abschied. Ich legte mein Handy auf meinen Nachttisch und zerbrach mir den Kopf darüber, was er mir wohl erzählen wollte. "Ob es etwas damit zu tun hat, weswegen er von der Schule muss?", kam es mir in den Kopf.

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